Full text : Wissenschaftliches Arbeiten

tn Die seminaristischen Übungen
Kosten seines Originals zu sehr an die Eigentümlichkeit seiner Nation“
sich hält. Ebenso gefährlich ist freilich die erste Klippe, „sich auf
Kosten des Geschmacks und der Sprache seiner Nation zu genau an
sein Original zu halten“ (Cauer p. 4). Die rechte Mitte, die v. Humboldt
„nicht bloß schwer, sondern geradezu unmöglich“ nennt, läßt sich
wenigstens in vielen Stücken annähernd erreichen, wenn man unter
Vermeidung aller Einseitigkeit und pedantischer Mechanisierung vorzüglich
 auf die besonderen Zwecke und die praktischen Bedürfnisse
bei jeder Übersetzung Rücksicht nimmt. Vgl. auch die von Cauer angeführte
 Abhandlung von Julius Keller „Die Grenzen der Übersetzungskunst“
 (Programm des Gymnasiums zu Karlsruhe 1892).
Von einer „Übersetzungskunst“ kann freilich dort überhaupt nicht
mehr die Rede sein, wo der Übersetzer sowohl das Original als auch
die eigene Sprache so barbarisch behandelt, wie es z. B. in einer deutschen
 Ausgabe des lateinischen Martyrologiums geschieht. Zum 26, März
sagt z. B. das Original: „... qui cum esset zetarius [d. h. Diener]
palatit et hospes sanctorum, a persecutoribus tertio appensus, tertio
auditus, in confessione Domini perseverans missus est in foveam, et
dimissa super eum massa arenaria, martyrio coronatus est.“ Die
deutsche „Übersetzung“ lautet: „... des kaiserlichen Hofbedienten,
genannt Zetarius. Weil dieser ein Wirt war und fromme Männer bei
sich aufnahm, ward er von den Verfolgern dreimal auf die Folter gespannt
 und dreimal peinlich verhört, im Bekenntnis des Herrn gleichwohl
 standhaft befunden, ebendeshalb in eine Grube geworfen, mit
häufigem Sand überschütiet und also mit der Marterkrone geziert“.
Und so geht es weiter.
Ein klassisches Muster für die Beurteilung von Übersetzungen,
besonders po#tischer Werke, ist noch immer Wilhelm Schlegels Rezension
der Vossischen Homer-Übersetzung (0. Kataun).
21. Besprechung der neuesten Fachliteratur.
Für die Zwecke des Seminars ist es weiterhin noch ein
anregendes und förderliches Mittel, entweder regelmäßig
oder doch von Zeit zu Zeit die wichtigeren Erscheinungen
der neuesten einschlägigen Fachliteratur zu besprechen.
1. Um dem beklagenswerten Mangel an Bücherkenntnis
in unserem akademischen Leben abzuhelfen, kann die Handbibliothek
 des‘ Seminars in keiner Weise genügen. Auch
wenn sie viel besser ausgestattet wäre, als es tatsächlich
bei sehr vielen der Fall ist, würden doch die Studierenden
ohne die leitende und fördernde Anregung in den Seminarstunden
 größtenteils nur in sehr beschränktem Maße die

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