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versucht, aus dem Wertgesetz den Mehrwert abzuleiten, so können
wir ein Lächeln nicht unterdrücken angesichts dieser geheimnisvollen
Wichtigtuerei. Für uns ist die Mehrwertbildung kein Prozeß, der
einer so komplizierten Erklärung und einer fast mystischen Ableitung
aus reinen Gedankengebilden (wie dem sog. „Wertgesetz") bedarf,
sondern der uns ohne weiteres als ein psychologisch und sozial be
gründeter Vorgang des täglichen Lebens verständlich erscheint.
Oder ist etwa die „materialistische Geschichtsauffassung", als
deren Begründer man Marx ansprechen mag, das „Gesetz", dessen
Formulierung wir ihm verdanken? Auch das läßt sich nicht sagen.
Wäre es ein „Gesetz" wie das Fallgesctz, so wäre Marx ganz ge
wiß nicht sein „Entdecker": denn als solchen betrachten wir den, der
die letzte einwandfreie Formulierung gegeben hat. Und gerade
diese läßt bei Marx am meisten zu wünschen übrig. Aber es han
delt sich wiederum gar nicht um irgend ein Gesetz, sondern abermals
um ein glückliches heuristisches Prinzip, das sich mit Nutzen bei der
Anordnung historischen Tatsachenmaterials verwenden läßt.
Oder soll man an die sog. „Entwicklungsgesetze" denken, die
Marx für den Ablauf der kapitalistischen Wirtschaft aufgestellt hat?
Mit diesen hat es auch seine eigene Bewandtnis.
Zum ersten sind es wiederum ganz und gar keine „Gesetze"
nach Art des Verbrennungsgesetzes, d. h. allgemein gültige Formu
lierung für immer gleiches Geschehen, sondern dieses Mal nur Aus
sagen über den wahrscheinlichen Verlauf eines singulären geschicht
lichen Ablaufs: der modernen kapitalistischen Wirtschaftsepoche.
Zum anderen sind sie großen Teils heute als falsch erkannt.
Von den einzelnen Theorien bleibt nur wenig übrig, wenn wir ihnen
mit der Sonde der wissenschaftlichen Kritik zu Leibe rücken. Ich
habe in meiner oben genannten Schrift „Sozialismus und soziale
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