Neue Weltanschauung.
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„wie verschieden sonst durch Einwirkung äußerer Umstände die
Lebensgeschichte der einzelnen erscheinen möge, bei einer
größeren oder kleineren Anzahl von Menschen immer wie ein
Thema durch ein Tonstück hindurchgeht, und all diesen Leben,
so verschieden ihr Außeres sein mag, eine innere Ähnlichkeit
gibt“ . Vielmehr darauf kam es an, die Handlung, wie es
schon Lessing ausgedrückt hatte, über das Typische hinaus
noch zu ihrem eigenen Ideale zu simplifizieren und ihr in
diesem Sinne Charaktere und Gespräche, Kausalnexus und
Szenen anzupassen.
Es sind die Grundzüge der Kunst des Klassizismus, und
man versteht ohne weiteres, wie sie aus Goethes Welt—
anschauung herauswuchsen: hier war schöpferisch und intuitiv
jene Einheit metaphysischer Weltbetrachtung hergestellt, welche
Goethe auf verstandesmäßig-spekulativem Wege zu erwerben
verschmähte. Eben darum war es nicht des Dichters Art,
diese Auffassung bis ins einzelnste durchdacht systematisch zur
Aussprache zu bringen. Er lebte und webte in ihr, und er
ließ sich an dieser Weise des Besitzes genügen. Ganz anders
dagegen beim Betreten verwandter Wege Schiller. Ihn führte
innerste Beanlagung immer wieder bis zum Aufsuchen höchster
Prinzipien und zur Ausbreitung der Einzelerfahrungen erst
innerhalb des Bereiches derselben; und da ihm die ästhetische
Betrachtung im Grunde überhaupt der Weg aller Erkenntnis
war —
Nur durch das Morgentor des Schönen
Dringst du in der Erkenutnis Lond —
so lag es ihm um so näher, als Grundlage seiner Welt—
anschauung ästhetische Ideen systematisch zu entwickeln.
Innerhalb dieses Kreises der Betrachtung aber hat Schiller
eigentlich nur die freilich lebendigste und bewegendste Grund—
vorstellung seiner ästhetischen Gedankenwelt, die Vorstellung
der Harmonie, noch tiefer gewonnen. Denn diese Vorstellung
war ihm allerdings persönlichstes und unmittelbarstes Lebens—
So die Definition von Otto Ludwig, Werke 2, 190.