Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
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„wie verschieden sonst durch Einwirkung äußerer Umstände die 
Lebensgeschichte der einzelnen erscheinen möge, bei einer 
größeren oder kleineren Anzahl von Menschen immer wie ein 
Thema durch ein Tonstück hindurchgeht, und all diesen Leben, 
so verschieden ihr Außeres sein mag, eine innere Ähnlichkeit 
gibt“ . Vielmehr darauf kam es an, die Handlung, wie es 
schon Lessing ausgedrückt hatte, über das Typische hinaus 
noch zu ihrem eigenen Ideale zu simplifizieren und ihr in 
diesem Sinne Charaktere und Gespräche, Kausalnexus und 
Szenen anzupassen. 
Es sind die Grundzüge der Kunst des Klassizismus, und 
man versteht ohne weiteres, wie sie aus Goethes Welt— 
anschauung herauswuchsen: hier war schöpferisch und intuitiv 
jene Einheit metaphysischer Weltbetrachtung hergestellt, welche 
Goethe auf verstandesmäßig-spekulativem Wege zu erwerben 
verschmähte. Eben darum war es nicht des Dichters Art, 
diese Auffassung bis ins einzelnste durchdacht systematisch zur 
Aussprache zu bringen. Er lebte und webte in ihr, und er 
ließ sich an dieser Weise des Besitzes genügen. Ganz anders 
dagegen beim Betreten verwandter Wege Schiller. Ihn führte 
innerste Beanlagung immer wieder bis zum Aufsuchen höchster 
Prinzipien und zur Ausbreitung der Einzelerfahrungen erst 
innerhalb des Bereiches derselben; und da ihm die ästhetische 
Betrachtung im Grunde überhaupt der Weg aller Erkenntnis 
war — 
Nur durch das Morgentor des Schönen 
Dringst du in der Erkenutnis Lond — 
so lag es ihm um so näher, als Grundlage seiner Welt— 
anschauung ästhetische Ideen systematisch zu entwickeln. 
Innerhalb dieses Kreises der Betrachtung aber hat Schiller 
eigentlich nur die freilich lebendigste und bewegendste Grund— 
vorstellung seiner ästhetischen Gedankenwelt, die Vorstellung 
der Harmonie, noch tiefer gewonnen. Denn diese Vorstellung 
war ihm allerdings persönlichstes und unmittelbarstes Lebens— 
So die Definition von Otto Ludwig, Werke 2, 190.
	        
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