Beginnender Realismus.
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Holland und unter den Vlamen fanden ihre Studien nicht
bloß Nachahmung, sondern auch Fortsetzung; hier folgte dem
Wörterbuche von De Vries die freilich schon übertrieben in—
dividualistische Literaturgeschichte Jonckbloets.
Die stärkste Gegnerschaft gegen die romantische Leitung
der Geisteswissenschaften aber ging schließlich doch von der
politischen Geschichte aus: und ihre vollere Entwicklung hat viel—
leicht mehr dazu beigetragen, jene glänzende scholastische Kon⸗
struktion mit ihren tausend Pfeilern, Bogen', Fialen, wie sie
schließlich aus Hegel entgegentrat, zu stürzen, als alle deduktiven
Beweisführungen dahin, daß es nicht möglich sei, mit Hegel die
Welt der Erscheinungen aus einem bloßen Begriffe abzuleiten.
Denn von vornherein und jedermann einleuchtend wurde hier
klar, daß sich der Gang der äußeren politischen Ereignisse
ebensowenig der Gesamtanschauung Hegels wie etwa gar der
immanenten Dialektik nach Thesis, Antithesis und Synthesis
einordne.
Allein so leicht es erschien, von diesem Standpunkte aus
zu kritisieren, zu protestieren oder zu ignorieren, so schwer war
es, auf der Stelle des Ortes der Verwüstung ein neues Ge—
bäude historischer Disziplinen zu errichten. Da mochte man
wohl, wie John Stuart Mill nach' dem Erscheinen von Comtes
Philosophie positivo, denken oder noch lieber als Richtung
einer angeblichen öffentlichen Meinung proklamieren, daß jeder
Versuch, allgemeine Wahrheiten über Politik und Gesellschaft
aufzustellen, Marktschreierei bedeute: die allgemeinste öffentliche
Meinung, das einfache menschliche Bewußtsein, die primitivste
Definition von dem, was Wissenschaft ist, forderte solche Wahr⸗
heiten gleichwohl: mitnichten war sie durch einen rationalistisch
angehauchten Individualismus befriedigt: wie denn die Ge—
schichtswissenschaft und noch mehr die Geschichtschreibung auch
äußerlich und künstlerisch jederzeit Perioden des Einschrumpfens
erlebt hat, sobald sie nicht durch einen Zug allgemeiner Ge—
danken getragen wurde.
Nun konnte dafür freilich ein Surrogat eintreten, das schon
die Frühromantik sehr klar beschrieben hat. „Die sogenannte