Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

Beginnender Realismus. 343

zum nicht geringen Teil das politische Urteil in Deuschland
drei, vier Jahrzehnte lang von der fremden Historiographie
gebildet und geleitet, von ihrer rhetorischen Überlegenheit be—
herrscht wurde“1.
War damit aber der Entwicklung der deutschen Geistes⸗
wissenschaften gedient? Vergebens kämpfte die politische Ge—
schichte einstweilen um eine Anerkennung, die ihr den Sieg
im Streite mit der Romantik hätte sichern können.
Doch war in diesem Momente längst eine Wissenschaft in
den Vordergrund getreten, die diesen Streit allerdings bestand:
die klassische Philologie, richtiger die Geschichtswissenschaft des
klassischen Altertums.
Es ist schon früher erzählt worden, wie die klassische
Philologie als eine Interpretationskunst der alten Schriftsteller,
einschließlich der Bibel, entstanden ist; und zwar vornehmlich
in protestantischen Ländern?: denn bis zu einem gewissen Grade
ist sie in ihrer gelehrten Ausbildung das Ergebnis von Vor⸗
stellungen, welche gewissen Schriften einzigartigen, ja teilweise
göttlichen Wert beilegten.
Diese Art der Philologie wurde nun mit beginnendem
Subjektivismus, seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts,
zunächst zu immer größerer Freiheit und Feinheit entwickelt;
Hand in Hand mit einer vollständigen Aufnahme der Über—
lieferung in Handschrift und Inschrift ging dabei das Bestreben,
jeden Schriftsteller durch eingehendste Versetzung in seine einstige
Umwelt besser verstehen zu lernen.
Es war eine Entwicklung der Philologie, die sich vor allem
in der Leipziger Schule zu höchsten Leistungen hob. Ihr wich—
tigster Vertreter war wohl Gottfried Hermann (1772-1848), seit
1803 ordentlicher Professor an der Leipziger Universität. Ein
wirksamer Lehrer und präziser, methodischer Forscher lebte und
webte er in Grammatik und Kritik, entwickelte die erkenntnis⸗
theoretischen Grundlagen wie die hauptsächlichsten technischen

Droysen, Historik? S. 83.
S. Band VIS. 155 ff., VII, 1, 335 ff.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.