Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels, 95
deutschen Exportes von ausschlaggebender Wichtigkeit für die
künftige Gestaltung unserer Wirtschaftslage, Der Handel ist von sich
aus gern bereit, den Export im alten Umfange aufzunehmen und ihn
weiter auszubauen. Zur Vorbedingung für das wirkungsvolle Arbeiten
gerade des Exporthandels gehört jedoch nicht allein die Möglichkeit
des Absatzes im Auslande, sondern auch zum
mindesten die ideelle Unterstützung des Außenhandels
durch die deutsche Industrie, Das Defizit der Handelsbilanz
im Jahre 1924, welches leider im ersten Halbjahre 1925 noch
eine Zunahme erfahren hat, erfordert mit gebieterischer Notwendigkeit
eine starke Vergrößerungder Ausfuhr, da eine Verminderung
der Einfuhr aus nachbenannten Gründen in wesentlichem Umfange kaum
möglich ist, um das im valutarischen Sinne höchst ungünstig wirkende
Defizit der Handels- und Zahlungsbilanz auszugleichen. Leider ist ja
Deutschland heute nicht mehr in der Lage, das Defizit der Handelsbilanz
auszugleichen durch Zinsen von Guthaben im Auslande, durch
Dividenden an Anteilen fremder Bergwerks- und Industriegesellschaften,
durch solche Erträgnisse der deutschen Fracht- und Seeschiffahrt
wie früher und durch andere Faktoren der „unsichtbaren‘ Zahlungsbilanz.
Es fragt sich nur, ob es möglich ist, die Gesamteinfuhr
noch in wesentlichem Umfange zu vermindern,
oder ob nicht die größere Wahrscheinlichkeit besteht,
den schlechten Status der Handelsbilanz durch Förderung
der Ausfuhr zu verbessern, Ein Blick auf die Einfuhrstatistik
zeigt, daß die Gesamteinfuhrziffer 1924 etwa 62% der
Gesamteinfuhr 1913 (auf Grundlage der Vorkriegswerte, d, h. Geldentwertungsfaktor
ausgeschaltet) beträgt, während die Gesamtausfuhrziffer
nur 50% der Gesamtausfuhr 1913 (dem Vorkriegswerte nach)
erreicht,
Eines der wesentlichsten Argumente, welches die Vertreter der
Agrar-Schutzzölle anführen, ist bekanntlich, daß durch Steigerung der
Intensität der landwirtschaftlichen Produktion die vorerwähnten
2,7 Milliarden Defizit der Handelsbilanz glatt aufgebracht werden
könnten, Wenn dies der Fall wäre, so würde das zweifellos die beste
und sympathischste Lösung sein, da es immerhin zweifelhaft erscheint,
ob es Deutschland gelingt, die Ausfuhr in Kürze so zu fördern, daß die
2,7 Milliarden Defizit herausgewirtschaftet werden, würde doch ein
solches Vorhaben mindestens die Verdoppelung des jetzigen Gesamtexportes
bedingen. Leider sieht aber die rauhe Wirklichkeit
anders aus, Denn nahezu alle wissenschaftlichen Sachverständigen
haben sich dahin ausgesprochen, daß es mehr als unwahrscheinlich
wäre, in einem relativ kurzen Zeitraum (2 bis 3 Jahre) die Steigerung