Full text: Die deutsche Wirtschaft

12 Dr. Felix Kuh: 
mann konnte zwar schon immer eine bedeutsame Rolle spielen, wenn 
er sich politisch betätigte, Im alten Athen und Rom, in den 
italienischen Republiken der Renaissancezeit, im königlichen Frank- 
reich des Mittelalters hatte gewiß der Kaufmann ein Wörtchen mitzu- 
reden, und auch in Deutschland brauchen wir nur an das Haus Fugger 
zu denken, um die Bedeutung zu erkennen, die den Wirtschaftlern in 
Wahrheit überall zukam, auch wenn die offiziellen Wortführer der be- 
treffenden Epochen solchen Einfluß nicht anerkannten und am liebsten 
totschwiegen, Für Deutschland liegt alsdann in dem Auftreten der 
Hansa das erste große Zeugnis vor, auf das sich die Kaufleute berufen 
konnten, wenn man ihnen vorwarf, sie seien eigentlich nur „Krämer” 
und „Pfeffersäcke‘ und hätten mit den großen politischen und kulturellen 
Aufgaben der Nation nichts zu tun. Die Hansa hat, wie Dietrich 
Schäfer überzeugend nachweist, das meiste dazu beigetragen, um 
die zarten Keime eines einheitlichen. deutschen Nationalbewußtseins 
entstehen zu lassen, Und lag im Norden Deutschlands der Schwer- 
punkt auf der politischen Entwicklung, so stieg in den süddeutschen 
Städten, in Nürnberg, Augsburg, Frankfurt usw., ein Bürgerstand her- 
auf, der bereits vom 12. Jahrhundert an deutlich zum Ausdruck brachte, 
daß er keineswegs gewillt sei, sein Dasein in der Aufhäufung materieller 
Güter zu erschöpfen. Das Kunstgewerbe der Dürerzeit verdankt seine 
hohe Blüte im wesentlichen den kaufmännischen Patriziern. Erfindungen 
und Entdeckungsfahrten wurden schon damals nur durch die groß- 
zügige und weitblickende Hilfe wohlhabender Handelsherren ermög- 
licht. Zum Kriegführen gehörte Geld, aber nicht allein die zerstören- 
den, sondern auch die aufbauenden Mächte waren auf den Beistand 
der Erwerbsstände angewiesen, Mit der Regierung der Königin 
Elisabeth von England trat dieser Staat in die Reihe derjenigen 
Nationen, die sich auf wirtschaftlicher Grundlage zu Weltreichen er- 
heben wollten. Gerade auf englischem Boden kann man das Durchein- 
anderfluten materieller und ideeller, wirtschaftlicher und kultureller 
Momente vielleicht am besten beobachten, Der englische Kapitalismus 
ist nach Max Weber hervorgegangen, oder zum mindesten stark 
beeinflußt durch den Calvinismus. Er hat also eine religiöse Grundlage 
und kann diese Herkunft nirgends verleugnen. Nur eine oberflächliche 
Auffassung kann den englischen „cant‘“ verspotten. — Man sagt wohl, 
der Engländer spreche von Jesus Christus und meine Kattun! Aber 
wenn auch dieses ironische Wort auf manche Kreise zutreffen mag, so 
muß man doch immer im Auge behalten, daß es eine wahre Frömmig- 
keit ist, die bei der Gründung des englischen Imperiums, des wirtschaft- 
lichen wie des politischen, eine große Rolle gespielt hat, Der Engländer 
betreibt seinen Beruf in der festen Überzeugung, daß Gott ihn und sein
	        
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