Full text: Die deutsche Wirtschaft

176 Prof. Dr.-Ing. A, Friedrich: 
und Vollendung zu streben. Wir müssen uns endlich einmal offen klar- 
machen, daß ein anderes Lebensziel überhaupt nicht in Frage kommt. 
Halten wir doch Umschau nach all dem, was die Menschen sich als 
Lebensaufgabe setzen, halten wir Umschau nach der Vernichtung, die 
diesen scheinbar äußerlichen Lebenszielen meistens widerfährt. Ver- 
hehlen wir uns doch nicht, daß all das Abtun des Unendlichen, daß das 
Überspringen der tiefinneren Selbstarbeit nichts weiter als eine Selbst- 
flucht ist. Hier liegt der Kernpunkt alles wirtschaftlichen Verfalls. 
Wenn ein großes Gefüge aufgebaut werden soll, müssen die einzelnen 
Teile echt und wahr sein. Nur dann kann eine Wirtschaft erblühen, 
wenn sie sich auf einem reinen Streben der Menschen aufbaut, Glauben 
wir denn wirklich, durch das Jagen nach Profit, durch das Übervorteilen 
des anderen, durch Rachegedanken, Haß und Gewalttätigkeit auch nur 
einen Schritt vorwärtszukommen? Lehrt uns die Geschichte nicht 
genugsam, daß auf diese Weise nur ganz kurze Blütezeiten hervor- 
gebracht werden können, Blütezeiten, die einem trügerischen Gewinn 
durch Raubbau auf dem Lande verzweifelt ähnlich sehen? Und hier 
ist die große Scheidewand. Stellen wir alles auf materielle Dinge ein, 
rechnet der Arbeitgeber und Wirtschaftler lediglich nach geldlichem 
Gewinn, so braucht er sich nicht zu wundern, wenn seine Untergebenen 
das gleiche tun und jede einzelne Handreichung berechnen. Er braucht 
sich nicht zu wundern, wenn bei der Festsetzung des Akkordes immer 
und immer wieder ein Zurückhalten der Arbeitskraft in Erscheinung 
treten wird, da sich kein Mensch veranlaßt fühlt, die tatsächlich un- 
geheueren Arbeitskräfte, die jeder in sich frei machen kann, materiellen 
Menschen herzugeben. Mit materiellen Dingen dem Schaffenden einen 
Anreiz zu geben, ist ein Unding, denn ein derartiges Betonen des 
Materiellen führt den Schaffenden bergab und läßt ihn abweichen von 
dem inneren Sinn und heiligen Zweck der Arbeit. Einen Anreiz zum 
Schaffen kann nur das eigene innere Weiterkommen geben, nichts 
anderes, Mit materiellen Dingen hat dies nichts gemein. Niemals 
kann aus der Entwicklung einer materiellen, 
noch so gut kombinierten Wirtschaft Seele ent- 
wickelt werden, wohl aber hat seelische Stärke 
und Streben nach innerer Vollendung auch die 
Erringung der notwendigen materiellen Gewinne 
im Gefolge. Und hier ist die Stelle, wo wir das Haus mit dem 
Dache zu bauen angefangen hatten. Weil unsere Menschen fast aus- 
nahmslos Materialisten geworden sind, weil der tiefinnere Glaube an 
alles das, was übergeordnet ist, fehlt, deshalb ist vieles Schaffen 
Stümperwerk und muß es so lange bleiben, bis wir unseren Weg wieder- 
gefunden haben,
	        
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