20 Dr. Felix Kuh:
dienen müssen. Vielleicht stehen wir vor einer durchgreifenden
Wohnungsreform, Das Bauwesen beginnt sich wieder zu
beleben, und hier z, B. ist der Punkt gegeben, an dem man deutlich
erkennen kann, wie der künstlerische Geist der Epoche auf das gewerb-
liche Leben, wie aber auch das Gewerbe selbst und der jeweilige
Zustand der Technik auf die künstlerische Ausgestaltung einwirkt.
Ein Bund für eine Reform der weiblichen Bekleidung hat
sich gebildet und über ganz Deutschland ausgedehnt. Er will die
deutschen Frauen daran gewöhnen, auch in der Mode ihr Deutsch-
tum zu bekennen und sich von den Vorbildern des Auslandes unab-
hängig zu machen, Auch hier zeigt sich deutlich, wie das Gewerbe
berufen ist, der allgemeinen Kulturentwicklung einer Nation zu dienen,
Je deutlicher die Erkenntnis im deutschen Volke wird, daß seine sämt-
lichen Glieder ein und denselben Zweck fördern müssen, daß sie
bestimmt sind, wenn auch auf den verschiedensten Wegen, dasselbe
Ziel zu erreichen, desto mehr werden sich die Risse und Klüfte
schließen, die den Organismus des deutschen Volkes in so unheilvoller
Weise spalten, desto mehr wird sich die Nation als eine Einheit fühlen
lernen, sie wird den Parteigeist zurücktreten und dafür den Geist
solidarischer Gemeinsamkeit zur Herrschaft kommen lassen, worin
denn der schönste Lohn all dieser Bestrebungen zu erblicken sein wird.
Mit dieser Einsicht haben wir den dritten Punkt unserer Be-
trachtung erreicht, wir kommen auf das soziale Gebiet, auf dem
ja heute die brennendsten Probleme zu lösen, die schmerzhaftesten
Wunden zu heilen sind. Hier aber hat gerade der Gewerbestand — er
ist der Meistbetroffene — die höchsten und schwierigsten Kultur-
aufgaben zu erfüllen. Die Überwindung des Klassen-
kampfes wird vielleicht schon durch die oben skizzierten Richtungen
ängebahnt. Aber zu einer wirklichen Lösung der sozialen Frage, zu
dieser bedeutungsvollsten Aufgabe der Kulturentwicklung überhaupt,
kann der Gewerbestand nur gelangen, wenn er sich mit völlig klarem
Bewußtsein die Größe dieses Vorhabens und zugleich die Wege vor-
stellt, auf denen man das vielleicht noch ferne Ziel erreichen kann.
Die Zeit des schrankenlosen Liberalismus neigt sich ihrem Ende zu,
Hat man einst verkündet, daß der Bau der Gesellschaft mit einer
Korallenbank zu vergleichen sei, bei der jedes einzelne Korallen-
tierchen rücksichtslos für das eigene Dasein sorgt, bei der aber doch
schließlich diese egoistische Arbeit vieler Einzelwesen zu einer festen
Bildung eines Gesamtstaates führt, so neigt man sich heute der um-
gekehrten Meinung zu, es müsse jeder einzelne von vornherein darauf
bedacht sein, sein eigenes kleines Ich dem Gesamtinteresse einzuordnen,
Diese soziale Gemeinschaft soll nicht mehr das Zufallsprodukt beliebig