Full text: Die deutsche Wirtschaft

17. 
Die angewandten Naturwissenschaften im Dienste 
der Wirtschaft. 
Von Dr.-Ing. Dr. rer. pol. Waffenschmidt, Privatdozent, Heidelberg. 
Es liegt an sich nicht im Wesen der Wissenschaft, dem täglichen 
Leben oder auch der Wirtschaft dienstbar zu sein. Ganz besonders 
ist die Vorstellung, die sich der Deutsche von der Wissenschaft macht, 
so sehr an das Absolute, über dem Alltag Stehende geknüpft, daß er 
in einer „angewandten“ Wissenschaft schon das eigenste 
Wesen der Wissenschaft aufgegeben sieht, nämlich lediglich der Er - 
kenntnis zu dienen und keine anderen Zwecke zu verfolgen, 
Das ist gut, und es hat sich gerade auch auf dem Gebiet der 
Wirtschaft als erstrebenswert erwiesen, so scharf als möglich zu 
trennen zwischen dem Wissenschaftlichen, rein Erkenntnismäßigen, 
Allgemeingültigen und dem auf das Handeln Bezüglichen, dem Poli- 
tischen, das nur Meinung des einzelnen ist, von Vorurteilen nicht 
unabhängig, von Interessen und Willenskräften getrieben. 
Daß allerdings in diesem Interessenkampf vom Politiker hinüber- 
gegriffen wird in das andere Land, das Land der Wissenschaft, daß er 
dort Werkzeuge sucht, Geisteswerkzeuge, die seinem Wirkungsbereich 
dienlich sind, verwehrt ihm niemand, am wenigsten versagt die Wissen- 
schaft diese Dienstbarkeit des redlichen Denkens, denn sie ist hier 
neutral, 
Die genauere Untersuchung zeigt nun, daß die Wissenschaft dem 
praktischen Leben nicht als einheitliches Gebilde gegenübersteht. Ohne 
daß wir uns in die Philosophie verlieren dürfen, können wir auf den 
Unterschied aufmerksam machen, den die neuere Forschung zwischen 
Naturwissenschaft und Kulturwissenschaft ausge- 
prägt hat. Die Gesetzmäßigkeiten, denen ein fallender Stein, das 
sprießende Korn, die Sehvorgänge im Auge unterliegen, sind offen- 
kundig ganz anderer Art als die Frage nach Gut und Böse, nach Recht 
und Pflicht, nach logischer Richtigkeit, aber auch verschieden von 
wirtschaftlichen Problemen, der Begründung von Schutzzoll und Frei- 
handel, von Kapitalismus und Sozialismus. 
Insofern gehört die wissenschaftliche Behandlung des Wirt- 
schaftsgeschehens sozusagen zu den „angewandten Kulturwissen-
	        
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