254 Dr.-Ing. Dr. rer. pol. Waffenschmidt:
Könnens, die über die bloße Anwendung naturwissenschaftlicher Er-
kenntnis fühlbar schöpferisch hinausgeht.
Diese qualitative Erweiterung des technischen Könnens hat man
im Auge, wenn man oberflächlich vom Dienst spricht, den die Technik
der Wirtschaft leistet. Es ist das Gebiet der Erfindung, die der Zivi-
lisation neue Wege bereitet, wenigstens bereiten kann, der Erfindung,
die als Schwester der Wissenschaft und der Entdeckung aus dem
Haupte des Zeus, geistig fertig gerüstet, entsprungen sein könnte.
Diese ganz bestimmte Selbständigkeit der Technik gegenüber der
Naturwissenschaft zeigt eine gewisse Feindseligkeit der schöp-
ferischen Psyche gegen jede Beeinflussung darin, daß der Erfinder die
naturwissenschaftliche Belehrung ablehnt und daß er sich mit dämo-
nischer Leidenschaft, unbeeinflußt durch fremdes Wissen, Bahn brechen
will, Der disziplinierte Erfinder kennt diese Gefahr; er ist
gelassener, er weiß, daß die Wissenschaft und die ihm gebotene
Kenntnis der Gesetzhaftigkeit viele Umwege und Aufwendungen erspart,
und darin ist eben ein bedeutsames Geschenk der Naturwissen-
schaft an das technisch Schöpferische einerseits und die Wirtschaft
andererseits zu erblicken, Wieviel unnützer Aufwand für die Erfin-
dung des Perpetuum mobile wäre erspart worden, wenn den Erfindern
das Gesetz über die Erhaltung der Energie und die Reibungstheorie
bekannt gewesen wäre.
Eine gewisse Selbständigkeit des Erfinders ist wohl auch sachlich
gerechtfertigt, denn es liegt auch die Möglichkeit vor, daß die Natur-
wissenschaft irrt, Die Atomtheorie hat die Suche nach dem Stein der
Weisen zur unsinnigen Phantasterei gestempelt. Heute wissen wir,
daß die Umwandlung der Elemente in andere nicht unmöglich ist und
daß wir sehr wohl daran denken können, unedle Metalle in edle zu
verwandeln. Der Fall jedoch, daß eine Erfindung zu einer Ent-
deckung auf naturwissenschaftlichem Gebiet führt, ist seltener als
der umgekehrte, daß eine naturwissenschaftliche Entdeckung zu neuen
technischen Möglichkeiten Wege eröffnet.
Jedenfalls ist die Technik hier nicht nur „Anwendung‘ der Natur-
wissenschaiten.
Neben diesen Erfindungen, die einer ausgesprochenen schöpfe-
rischen Tätigkeit entspringen, gibt es Zufallserfindungen, die aus
Zufallsentdeckungen entspringen, doch sind diese Fälle nicht die Regel,
Die Geschichte der Erfindungen zeigt vielmehr, daß ein in seinen
letzten Einzelheiten nicht erfaßbarer gesellschaftlicher An-
trieb zum technischen Fortschritt drängt, daß die Erfindungen „zu
ihrer Zeit kommen", der Buchdruck in der Renaissance, die Dampf-
maschine aus dem englischen Früh-Industrialismus. Nicht nur die Not