Die angewandten Naturwissenschaften im Dienste der Wirtschaft, 257
Naturkraft zeigt die Berechnung: Die Arbeitsstunde des Menschen ent-
spricht ungefähr einer Fünftel-PS-Stunde und kostet, sagen wir, 40 Pfg,,
während eine Fünftel-PS-Stunde am Elektromotor, am Sauggasmotor
oder an der Dampfmaschine einen Bruchteil von einem Pfennig kostet.
Wir haben schon oben darauf hingewiesen, daß die Kenntnis natur-
wissenschaftlicher Gesetze von mancherlei als unerfüllbar erkannten
Aufgaben abhält. Der erste Hauptsatz der Energetik bewahrt uns
aber nicht nur vor dem Abweg des Perpetuum mobile, sondern er läßt
uns auch Wärme- und Kraftwirtschaft treiben, nachdem
wir von der Naturwissenschaft Begriff, Maß und Zahl erfahren haben,
das heißt hier die Tatsache, daß die Wärmemenge 1 Kalorie, die 1 Liter
Wasser um 1 Grad erwärmt, einer Arbeit gleichzusetzen ist, die 427 kg
1 Meter hoch hebt. Damit beginnt eine typische Wirtschaftlich-
keitsuntersuchung, die sich darauf erstreckt, festzustellen, wieweit
die vorhandene Wärmemenge sich nach der gewünschten Linie, also
hier in Arbeit, umsetzt. Zunächst hat die Naturwissenschaft, wie schon
bemerkt, den Techniker gelehrt, den Kaloriengehalt der Kohlensorten,
des Holzes, der Öle und Gase zu bestimmen, und die moderne Wirt-
schaft macht von dieser Kenntnis so weit Gebrauch, daß sie die Kohlen
nicht nach Tonnen, sondern nach Kaloriengehalt kauft.
Diesen verfügbaren Stoff will der wirtschaftende Techniker mög-
lichst vollkommen nach der Richtung verwenden, die ihm aufgegeben
ist. Ein ganz einfaches Beispiel: Durch Versuch sei festgestellt,
daß der Kaloriengehalt eines Liters Gas 5 Kalorien betrage. Im Be-
trieb möge der Techniker ablesen, daß er zur Erwärmung eines Liters
Wasser von 8 Grad auf 98 Grad 36 Liter Gas braucht, während also
die theoretische Berechnung einen Verbrauch von 90:5 = 18 Liter
zubilligt, Daraus ergibt sich, daß das Gas nicht vollkommen in der
gewollten Richtung verwendet ist, daß Wärme „verloren‘” wurde. Ver-
loren nicht im naturwissenschaftlichen Sinn, wo das Gesetz der Erhal-
tung des Stoffes und der Energie Mißverständnissen vorbeugt, aber
verloren in technisch-wirtschaftlich em Sinn, indem die Wärme
ungewollte Wege geht, z. B. in die Wandung des Gefäßes, in die Luft
oder indem überhaupt keine vollständige Verbrennung stattfindet,
Aber der Techniker weiß nicht nur, da ß ein Verlust auftritt und
daß er Verbesserungen anbringen kann, sondern er hat auch ein Maß
für den Fortschritt, er weiß, daß er nur einen Wirkungsgrad von 50 %
erreicht hat, wenn er von 5 Kalorien nur 2% ausnützt, er weiß ferner,
daß etwa andere technische Anordnungen einen günstigeren Wirkungs-
grad halten, und wenn sie nicht vorhanden sein sollten, so wird er ver-
anlaßt, solche zu suchen, sei es eine Verbesserung des Brenners, sei
es eine günstigere Form des Gefäßes usw. Er weiß aber auch weiter,
Die deutsche Wirtschaft.
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