264 Dr. Sogemeier:
für derartige wissenschaftliche Untersuchungen einigermaßen objektiv
festzustellen, So erhebe ich darum auch nicht den Anspruch, in den
folgenden Ausführungen völlig exakte wissenschaftliche Untersuchungen
vorzulegen. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, ein Bild der
leider außerordentlich ernsten finanzpolitischen Lage Deutschlands in
erster Linie vom wirtschaftlichen Standpunkte zu geben. Die von
mir aufzuführenden Tatsachen reichen hin, um denen, die es angeht, und
die ein Urteil über diese Probleme gewinnen wollen, die harte Wirklichkeit
und unbestreitbar notwendigen Folgerungen klarzumachen.
Die rasende und ständig von Grund aus verschiedene Entwicklung, in
die wir auf wirtschaftlichem und finanziellem Gebiet in den letzten
Jahren hineingetrieben sind, die für das deutsche Volk noch längst
nicht hinreichend beachtete, ganz außerordentlich ernste finanzpolitische
Situation verpflichtet geradezu, diese Dinge so zu zeichnen. Die
notwendige und harte Lösung, die das Problem „Wirtschaft und
Steuern‘ heute und in der nächsten Zukunft fordert, ist nur möglich,
wenn möglichst breite Kreise sich diese Erkenntnisse zu eigen machen,
und den verantwortlichen Staatsmännern, die entsprechende Folgerungen
ziehen wollen, das dadurch erleichtern, daß sie solche Maßnahmen
verstehen, einfach als staatspolitisch notwendig und nicht als
von der verhaßten Wirtschaft aus eigensüchtigem Streben diktiert.
Nun wird man gleich einwenden, daß unser Staatsleben einfach weiterbestehen
muß. Ein Hinweis darauf, daß es einmal anders kommen
könnte, ist nur eine schwarze Drohung. Dem gegenüber will ich gleich
darauf hinweisen, daß wir heute bekanntlich Dawes-Politik treiben.
Wir haben uns verpflichtet, die in dem Sachverständigengutachten uns
auferlegten Leistungen zu erfüllen, Das Ausland ist in weitem Maße
an dieser Erfüllung interessiert. Man hat uns zwei Jahre lang eine
Atempause gegeben, um unsere inneren und öffentlichen Finanzen und
unsere Wirtschaft in Ordnung zu bringen. Wenn uns die Erfüllung
all dessen nicht gelingt, besteht zweifellos die Gefahr, daß im Auftrage
der ausländischen Gläubiger uns eine absolute Finanzdiktatur vorgesetzt
wird, die dann ihrerseits bestimmt, was an steuerlichen Abgaben
aus der Wirtschaft herauszuholen ist, und zwar zunächst für die Reparationsgläubiger
und dann erst für die eigenen staatlichen, sozialen und
kulturellen Zwecke, Dann ist es eben mit dem dauernden Bestande
eines selbständigen Staatslebens und einer nationalen freien Wirtschaft
bei uns vorbei, und alle Kreise, die auf die Wirtschaft nicht hören
wollen, sollten sich darüber klar sein, daß gerade die Wirtschaft bei
ihren Warnungen und Mahnungen die Probleme auch vorwiegend von
diesem Gesichtspunkt aus betrachtet. Steuern und Wirtschaft in ein
richtiges Verhältnis zueinander zu bringen, ist daher eines der be-