294 Reichsbankrat Alfred Speer:
blieb, Gerade in der äußerst schwierigen Stabilisierungsperiode mußte
sie mehr denn je in einer Hand — nämlich bei der Reichsbankleitung —
vereinigt liegen, wenn die deutsche Wirtschaft die Erschütterungen,
welche die Umstellung auf eine feste Währungsgrundlage nach allen
geschichtlichen Erfahrungen mit sich bringen mußte, mit Erfolg über-
stehen sollte, Es galt, die mit der Gründung der Rentenbank ein-
geleitete und durch die Golddiskontbank gestützte Stabilität des Geld-
wertes unter allen Umständen aufrechtzuerhalten. Und diesen obersten
Grundsatz ihrer Politik mußte die Reichsbank in ihrem eigenen Ge-
schäftsverkehr sowohl wie auch in der Erteilung der Rentenbank- und
Golddiskontbankkredite mit aller Energie zur Geltung bringen; denn
eine neue Inflation mußte um jeden Preis vermieden werden.
Als die Umstellung der deutschen Wirtschaft auf die Goldrech-
nung allgemein wurde, ergab sich mit erschreckender Deutlichkeit, daß
der Zusammenbruch der Währung die gesamte Grundlage der Volks-
wirtschaft verschoben hatte, Das vorhanden gewesene Kapital war
in einem Maße verzehrt worden, wie es selbst die besten Kenner der
Wirtschaft in der Inflationszeit nicht voll erkannt hatten. Im beson-
deren waren die Betriebskapitalien der Wirtschaft fast völlig zerstört
oder festgelegt. Die deutsche Wirtschaft als Ganzes ging verarmt und
illiquide aus der Geldentwertungszeit hervor. Die zwangläufige Folge
war ein außerordentlicher Kreditbedarf, Ihn zu mildern war die
Reichsbank bemüht, ihn völlig zu befriedigen war sie aber auch mit
Hilfe der Rentenbank- und Golddiskontbankkredite nicht imstande.
Die Geldsummen, welche sie aus der Notenpresse heraus der Wirt-
schaft zur Verfügung stellen konnte, ohne die Währung zu gefährden,
reichten bei weitem nicht aus, um die durch die Inflation gerissene
Lücke auszufüllen, Doch so schwer auch die Stabilisierungskrise für
die Wirtschaft sich gestaltete, so unterschied sie sich doch von der
Inflationskrise grundsätzlich dadurch, daß sie von der Befolgung alt-
bewährter Prinzipien ausging und von dem gesunden Bestreben be-
gleitet war, mit allen Mitteln die Wiedereinführung wirtschaftlich-
rationeller Handlungsweise herbeizuführen,
Nachdem die erste Hilfe, welche der privaten Wirtschaft in Gestalt
der Rentenmarkkredite zur Verfügung stand, verbraucht war, ähnlich
wie die dem Reich zur Verfügung gestellten Summen, zeigten sich in
den ersten Monaten des Jahres 1924 gewisse Anzeichen einer Ge-
fährdung der Stabilität der Mark und Rentenmark. Der Markkurs im
Auslande zeigte Schwankungen bis zu 15 % unter die Parität, Die
Devisendeckung wurde immer knapper, die Quote der Zuteilung auf
die täglichen Devisenanforderungen mußte bis auf 1% der angefor-
derten Summen herabgesetzt werden, Die Handelsbilanz gestaltete sich