302 Dr. G. Freiherr v. Pechmann:
durch billige Ersatzstoffe vorzutäuschen. In Deutschland tritt der
Wendepunkt ein mit der Gründung des „Deutschen Werkbundes‘ im
Jahre 1907. Eine Gruppe von Künstlern, Kunsthandwerkern, gewerblichen
Unternehmern und Volkswirten schloß sich damals zusammen,
mit der programmatischen Erklärung: „Wir verstehen unter Qualität
nicht nur ausgezeichnete, solide Werkarbeit und die Verwendung tadelloser
echter Materialien, sondern auch die mit diesen Mitteln durchgeführte
organische Idee der sachlichen, edlen oder künstlerischen Gestaltung,
Wir lieben die Kunst der Vergangenheit und die Erzeugnisse,
die uns aus der Blütezeit des deutschen Handwerks überliefert worden
sind, Aber gerade weil wir die alte Kunst lieben, hüten wir uns, sie
durch Nachahmungen schlecht zu machen.“ Man beschränkte sich bei
dieser Forderung durchaus nicht auf das engere Gebiet des Kunsthandwerks,
Was man von der Arbeit des einzelnen Künstlers und Handwerkers
verlangte, nämlich eine durchgeistigte Ausbildung der Form,
das erwartete man jetzt auch von Ingenieurwerken jeder Art, wie
Maschinen, Brücken und technischen Anlagen, aber auch von den Erzeugnissen
der auf Massenproduktion eingestellten modernen Industrie.
Das Grundsätzliche der Qualitätsforderung war auf jedem dieser Gebiete
die Übereinstimmung von Material, Technik und Form; die Verschiedenartigkeit
der Ergebnisse erwuchs dann von selbst aus der Verschiedenartigkeit
der Arbeitsmethoden und der Zwecke. Im handgearbeiteten
Einzelstück des Künstlers und Kunsthandwerkers ist dem
künstlerischen Spieltrieb in Form und Ornament keine Grenze gezogen.
Technische Werke dagegen verlangen strenge Anpassung an den Zweck,
klare Durchbildung der konstruktiven Form. Die Massenerzeugnisse der
Industrie endlich sollen darauf verzichten, als billige Nachahmungen
handgearbeiteten Kunstgewerbes zu erscheinen; ihre Qualität muß
aus der zielbewußten Anwendung der modernen Maschinentechnik bei
der Bearbeitung des Materials erwachsen.
3, Die Qualität des Materials, Qualitätsarbeit hat zur Voraussetzung,
daß der Verfertiger dem Material, das er bearbeitet, Verständnis
und Liebe entgegenbringt; er tut dem Material keinen Zwang
an, sondern läßt sich bei der Formgebung und bei der technischen Bearbeitung
von den besonderen Eigentümlichkeiten des Werkstoffes
leiten. Das gilt sowohl für die Handarbeit wie für die Maschinenarbeit.
Hieraus erwächst von selbst die weitere Forderung, kein Material durch
andere Stoffe zu imitieren. Qualitätsarbeit ist immer echt im Material.
Dabei ist zu beachten, daß es an sich keine unechten Stoffe gibt. Jeder
Stoff ist echt. Zum Surrogat wird er erst dadurch, daß die auf ihn
verwendete Bearbeitungsart und Formgebung einem anderen Stoff entliehen
wird, Um dies an einem Beispiel klarzumachen: Eine licht-