Qualitätsarbeit, 303
beständige, geschmackvoll bedruckte Papiertapete kann Qualitätsarbeit
sein; wird jedoch dem gleichen Papier eine Bearbeitung zuteil, die ihm
das Aussehen gepreßten Leders verleiht, so ist es für die Qualitäts-
beurteilung nicht mehr Papier, sondern imitiertes, unechtes
Leder, und damit ist es aus der Klasse der Qualitätserzeugnisse aus-
geschieden. Der Wert des Materials spielt für die Qualitätsbeurtei-
lung keine Rolle. Ein Gebrauchsgegenstand, der nur für kurzen Ge-
brauch bestimmt ist, kann aus billigem und vergänglichem Stoff erzeugt
und dennoch Qualitätsarbeit sein, Der vergängliche Stoff wird erst
dadurch zum „schlechten‘ Stoff, daß er für Gebrauchszwecke ver-
wendet wird, die Dauerhaftigkeit des Materials verlangen. Ein kost-
barer Lederband mit geschmackloser Goldpressung ist trotz seiner
Dauerhaftigkeit und seines hohen Materialwertes keine Qualitätsarbeit.
Ein billiger Pappband in gutem Papier wird Qualitätsarbeit sein, wenn
Einband, Schnitt, Rückenschild und Schrift eine künstlerische Gesamt-
wirkung ergeben,
4. Die Qualität der Technik, Kein technisches Verfahren ist an sich
qualitätssteigernd oder qualitätsmindernd. Dies gilt vor allem für die
Bewertung der Maschinenarbeit im Gegensatz zu der Handarbeit. Nicht
die Maschinentechnik macht manche Arbeit minderwertig, sondern die
Unfähigkeit des Menschen, die Maschine richtig anzuwenden.
Maschinentechnik, welche Handarbeit nachahmt, muß ihre eigenen
Vorzüge verleugnen, ohne den Vorzug wirklicher Handarbeit erreichen
zu können, Jede Überladung mit Schmuck und jede unsachliche Form
kann maschinell hergestellte Dinge abstoßend machen. Für die Hand-
arbeit gelten völlig andere Grundsätze. Wie dem Wesen der Maschine
eine vollkommene Genauigkeit entspricht, so entspricht dem Wesen der
Handtechnik eine gewisse Wärme und Beseeltheit der Bearbeitung, die
vor Zufälligkeiten und kleinen Unregelmäßigkeiten nicht zurück-
schreckt, Die Gegenwart begeht häufig den Fehler, daß sie die Ge-
nauigkeit der Bearbeitung auch zum Maßstab für die Bewertung von
Handarbeit macht. Und doch muß die mathematische Geradheit
der Linie, die Schärfe der Winkel und die Glätte der Flächen da als
Mangel erscheinen, wo von der unmittelbaren Einwirkung der mensch-
lichen Hand eine Beseelung der Materie erwartet wird.
5. Die Qualität der Form, Qualitätsarbeit läßt sich nur da erzielen,
wo die Formgebung von allem Anfang an sowohl der Eigentümlichkeit
des Materials wie der Eigentümlichkeit der angewandten Technik
Rechnung trägt. Die alte Handwerksarbeit entwickelte die Form ganz
natürlich während des Arbeitsprozesses, Schwierige Probleme traten
erst auf, als die Rationalisierung der Technik es notwendig
machte, vor Beginn des Arbeitsprozesses durch eine Zeichnung oder