Verkehrspolitische Aufgaben der Deutschen Reichspost. 311
diese Weise die Sprechverständigung von der Entfernung unabhängig
zu machen, Die Leiterstärke in den Kabeln konnte bis auf die
mechanisch zulässige Grenze herabgesetzt und dadurch eine solche
Kostenverminderung erzielt werden, daß in allen Gebieten mit einigermaßen
dichtem Verkehr die Kabelanlagen den Freileitungen wirtschaftlich
überlegen wurden,
Beim Telegraphennetz lagen die Verhältnisse nach dem Kriege
nicht ganz so ungünstig wie beim Fernsprechnetz. Der Bedarf an
Telegraphenleitungen war wesentlich geringer, besondere Schwierigkeiten
für den Weitverkehr gab es nicht, weil brauchbare Relais seit
langem in Benutzung waren; auch bestand in Deutschland seit Ende der
siebziger Jahre ein ausgedehntes Telegraphenkabelnetz, daß das
Rückgrat des inländischen und ausländischen Telegrammverkehrs
bildete. Trotzdem war auch an das Telegraphennetz die bessernde
Hand anzulegen, wenn der Betrieb den gesteigerten Anforderungen der
Neuzeit entsprechen sollte.
Die Unzulänglichkeit der Freileitungen war auch hier auf die
Dauer unvereinbar mit den Betriebserfordernissen. Die Einführung der
Maschinentelegraphen auf allen wichtigen Linien bedingte störungsfreie
Leitungen, wie sie nur ein Kabelnetz bieten konnte. Das vorhandene
unterirdische Netz war wegen seiner veralteten Bauart dafür nicht
geeignet und in den fast 50 Jahren seines Bestehens so verbraucht, daß
es ohnehin erneuert werden mußte. Der Wiederaufbau hatte also auch
den neuen Bedürfnissen des Telegraphendienstes Rechnung zu tragen,
Nach umfassenden Versuchen wurde eine wirtschaftlich und technisch
außerordentlich günstige Lösung darin gefunden, unter Verwendung
des Pupinsystems und der Verstärkerröhre einen Mehrfach-Telegraphenbetrieb
mit Wechselströmen von der Art der Fernsprechströme
einzurichten, so daß also Kabelleitungen gleicher Bauart
ebensogut für den Sprechverkehr wie für den Telegrammverkehr
benutzbar sind.
Bei dieser Sachlage war der Deutschen Reichspost der Weg vorgezeichnet,
den sie zu beschreiten hatte, um ihren verkehrspolitischen
Aufgaben gerecht zu werden. Die Arbeiten an dem bestehenden Freileitungsnetz
waren darauf zu beschränken, das Netz für die Übergangszeit
betriebsfähig zu erhalten, Inzwischen mußte mit größter
Beschleunigung der Plan eines umfassenden, nicht nur für den innerdeutschen,
sondern auch für den zwischenstaatlichen Verkehr bestimmten
Fernsprech- und zugleich Telegraphenkabelnetzes verwirklicht
werden,
Die Arbeiten dazu sind seit dem Frühjahr 1921 im Gange und
so weit gediehen, daß im Laufe des Jahres 1925 rund 5000 km Kabel-