324 Dr. Harald Feddersen:
wicklung der deutschen Volkswirtschaft und mit ihr der Weltwirtschaft
geworden. Deutschlands wirtschaftlicher Aufstieg, wie er bis zum
Jahre 1914 zum Neide der Welt sich beispiellos vollzog, kann am
zwingendsten und anschaulichsten an Hand der Entwicklung der deut-
schen Seeschiffahrt dargestellt werden, ebenso wie dessen Verfall am
gleichen Objekt am erschütterndsten sich kundgibt,
Einige Erläuterungen zu diesen allgemeinen Ausführungen
mögen das Bild vervollständigen,
Wenn man von der volkswirtschaftlichen Forderung ausgeht, daß
der Außenhandel eines Landes mit Seeverkehr zur Mehrheit in der
Hand seiner eigenen Handelsschiffahrt liegen muß (besonders Nord-
amerika huldigt dieser Auffassung), so hat die deutsche Handelsflotte
diese Forderung vor dem Kriege erfüllt, Sie beförderte bis 1914
rund 60% des gesamten deutschen Im- und Exports, was einen Wert
von rd. 15 Milliarden Goldmark darstellte. Das konnte sie naturgemäß
nur leisten dadurch, daß sie in ihrer gesamten Organisation und in
ihrem Rauminhalt den Bedürfnissendesdeutschen Außen-
handels rechtzeitig folgte bzw. ihm sogar voranging. Die beinahe
sprunghafte Steigerung der Außenhandelsziffern ging daher parallel mit
der Steigerung der Tonnage der Reedereien und des
Hafenverkehrs, was durch nachfolgende Zahlen Kurz verdeut-
licht werden mag.
Das Wachstum der deutschen Reedereien 1907—1913 (Ende)
in Br.-Reg.-Tonnen.
Deutsch-
Jahr | Hapag er we FA Austral-—Stinnes
1907 | 955 742 | 804 060 | 244 985 | 197 600 | 308 351 —
1913 1 360 360 982951 * 1440 544 384 982 527 718 | 30 025
. (Seeschiffe)
Die Anpassung der Reedereiorganisation an diese rapide Entwick-
lung des Handels und Weltverkehrs war eine der schwersten Aufgaben,
die im Interesse des ungehinderten Güter- und Personenverkehrs zu
leisten war. Wenn man bedenkt, daß schon 1906 von den in Newyork
gelandeten Passagieren 380 000 von nur zwei großen Reedereien be-
fördert wurden, so ist einzusehen, daß zur Bewältigung allein dieser
wirtschaftlichen Aufgabe des Personenverkehrs ein umfang-
reicher Beamten-, Angestellten- und Arbeiterapparat nötig ist, dessen
Funktionen auf das genaueste reguliert sein müssen, wenn das Höchst-
maß wirtschaftlich-finanzieller Ökonomie erreicht werden soll. Ein
Blick in den Personalbestand des Norddeutschen