3U Prof. Dr. Ernst Schultze:
mus zu schädigen. Die Wiederherstellung gesunder weltwirtschaftlicher
Beziehungen gilt dem Londoner Abkommen vom August 1924 als selbst-
verständliches Ziel. Denn obwohl die „Sachverständigen”, die den
Dawes-Plan entworfen und begründet haben, manchen Beobachtungs-
irrtum und mehr als einen Urteilsfehler begangen haben, die sich hätten
vermeiden lassen, wenn sie mit deutschen Sachverständigen darüber
rechtzeitig beraten hätten, so bietet das Abkommen im großen und
ganzen doch etwas mehr als die unselige Diktatpolitik der Jahre 1918
bis 1923 die Möglichkeit, den wechselseitigen Wirtschaftsverkehr zum
allseitigen Wohle, anstatt zum ausschließlichen Vorteil der Sieger-
mächte wieder anzubahnen.
IL Die Erschütterung unserer Stellung in der Weltwirtschait,
Allein alle diese Tatsachen und Überlegungen, alle Wucht des
Meinungsumschwunges auch in den Ländern der Entente dürfen uns
den Blick nicht für die Erkenntnis trüben, daß Deutschland, so unent-
behrlich es für die Weltwirtschaft sein mag, in seiner weltwirt-
schaftlichen Stellung durch die Ereignisse der
letzten 10 Jahrebisinden Grunderschüttert ist. Wir
leben in einer anderen Welt als in der vor 1914, Wirtschaftlich und
politisch sieht sich Deutschland um Jahrzehnte zurückgeworfen, Durch
Krieg und Nachkrieg hat es ungeheure Verluste erlitten; sie hier zu
schildern, wäre unnütz, da sie den meisten Deutschen bekannt sind. Ge-
bietsabtretungen, Reparationszahlungen, Warentribute, Exportrückgang,
eine verhängnisvolle Passivität unserer Handelsbilanz, der Verlust der
Souveränität selbst über unser Verkehrswesen, der Aufstieg Frank-
reichs zur ersten Eisen- und Stahlmacht Europas bei gleichzeitiger Ver-
kümmerung der deutschen Produktions- und Absatzmöglichkeiten, die
Zerschneidung und Verstümmelung unseres Wirtschaftskörpers durch
den polnischen Korridor, durch die Abtretung zahlreicher rein deutscher
Gebiete und blühender deutscher Städte — alles das hat die Produk-
tionsgrundlagen der deutschen Volkswirtschaft so tief unterhöhlt und
geschwächt, daß nur ein weltfremder Illusionist erwarten kann,
Deutschland vermöchte unter diesen Umständen seine frühere Stellung
in der Weltwirtschaft zurückzugewinnen.
Niemand, der die unter deutscher Herrschaft blühenden, inzwischen
polnisch gewordenen Landesteile wiedersieht, kann sich dem Eindruck
eines wirtschaftlichen und kulturellen Verfalls entziehen, Niemand,
der die Kapitalnot aller Wirtschaftszweige in Deutschland betrachtet,
kann im Zweifel darüber sein, daß die deutsche Aktionskraft im Außen-
handel unterbunden ist. Niemand, der sich die Mühe macht, zahlen-
mäßige Vergleiche zwischen der deutschen Ausfuhr vor dem Kriege
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