Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

8.  Amerikanisches  Schulwesen.

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Hand  in  Hand  mit  dem  Besuch  der  Schule  durch  die  Kinder  aller  Stände  und
aller  Schichten  geht  eine  Opserwilligkeit  für  die  Schule  seitens  der  Staaten  und  der
Gemeinden,  ein  Bildungsstreben  in  allen  Teilen  des  Volkes,  denen  man  seine  Bewunderung ­
  nicht  versagen  kann.  Daß  für  die  öffentlichen  Bibliotheken,  Museen,
Universitäten  u.  dgl.  ganz  großartige  Opfer  von  einzelnen  reichen  Leuten  gebracht
werden,  ist  bekannt;  aber  auch  die  Gemeinden  selbst  wenden  an  ihre  Schulen  und  ihr
Schulwesen  große  Mittel  und  suchen  ihren  Stolz  darin,  sagen  zu  können,  daß  ihr
Schulwesen  auf  der  Höhe  stehe  und  das  der  Nachbargemeinden  oder  der  Nachbarstaaten ­
  überflügelt  habe.  .  .  .
Geleitet  wird  das  Schulwesen  in  den  einzelnen  Staaten  und  Gemeinden  von
dem  School  Board,  der  ungefähr  den  Schuldeputationen  unserer  größeren  Städte
entspricht,  nur  daß  seine  Befugnisse  sehr  viel  weiter  gehen.  Er  ist  eine  ganz  selbständige
Körperschaft  —  neben  dem  allgemeinen  Verwaltungskörper  —,  stellt  selbständig  seine
Einnahmen  und  Ausgaben  fest,  stellt  Lehrer  an  und  entläßt  sie,  bestimmt  Lehrpläne,
kurzum,  besitzt  die  gesamten  Befugnisse,  die  bei  uns  in  die  verschiedensten  Instanzen
verteilt  sind.  Dieser  School  Board  kennt  im  Gegensatz  zu  der  sonst  für  alle  öffentlichen ­
  Ämter  geltenden  Praxis  der  Bezahlung  nur  unbezahlte  Mitglieder.  Die  Mitgliedschaft ­
  ist  Ehrenamt  und  wird  von  den  besten,  tüchtigsten  Kräften  der  Gemeinden
gern  gesucht;  die  Amerikaner  erklärten  mir  daher  wiederholt,  ihre  School  Boards
seien  die  besten  Behörden,  die  das  Land  besitze.  Die  Mitglieder  des  School  Board
werden,  wie  alle  öffentlichen  Beamten,  von  den  stimmberechtigten  Bürgern  gewählt,
und  dadurch  ist  die  Möglichkeit  geboten,  wenn  die  Geschäftsführung  aus  irgendwelchen
Gründen  nicht  gefällt,  Abhilfe  zu  schaffen.
Der  School  Board  stellt  die  technischen  Beamten  an,  einen  tüchtigen  erprobten
Schulmann  (nicht  einen  Juristen  oder  Pastor)  als  obersten  Schuldirektor,  dem  das
sonst  erforderliche  Hilfspersonal  von  Inspektoren,  Sekretären  usw.  zur  Seite  steht.
Man  findet  als  technische  Leiter  des  Schulwesens  in  den  größeren  Städten  fast  durchweg ­
  Schulmänner,  die  den  Ruf  besonderer  Tüchtigkeit  genießen,  und  da  der  Amerikaner
überall  dem  richtigen  Prinzip  folgt,  tüchtige  Leute  nicht  durch  zu  viel  Vorschriften
einzuengen,  sondern  ihnen  zur  freien  Entfaltung  ihrer  Ideen  Spielraum  zu  geben,  so
ergibt  sich  hieraus  eine  rege  Vielseitigkeit  und  Erprobung  neuer  Ideen,  die,  meist
aus  erfahrenen  Köpfen  stammend,  eine  ganze  Reihe  von  Fortschritten  ermöglichen
und  herbeiführen.  .  .  .
Der  Unterricht  der  Kinder  umfaßt  in  den  ersten  8  Schuljahren  ungefähr  dasselbe, ­
  was  eine  gute,  6—8stufige  deutsche  Volksschule  lehrt.  In  den  ersten  4  Schuljahren ­
  werden  gelehrt:  Lesen,  Schreiben,  Rechnen,  Zeichnen,  Singen,  Turnen;  in  den
nächsten  Schuljahren  treten  hinzu:  Geographie,  Geschichte,  Geometrie,  Astronomie,
Deutsch,  Französisch  (oder  Spanisch),  Italienisch,  Buchhaltung.  Dabei  wird  zwar  in
den  einzelnen  Städten  durchweg  nach  dem  von  der  Schulbehörde  festgestellten  Lehrplan ­
  gearbeitet,  es  ist  aber,  wie  schon  erwähnt,  dem  einzelnen  Prinzipal  Freiheit
gegeben,  nach  der  oder  jener  Richtung  hin  seine  eigenen  Ideen  zu  verfolgen.  Der
Schuldezernent  beobachtet  solche  Eigenheiten  natürlich,  würde  auch  eingreifen,  wenn
er  Bedenken  hat,  doch  überwiegt  die  Neigung,  einer  tüchtigen  Persönlichkeit  Spielraum ­
  zu  geben,  während  bei  uns  jede  Abweichung  von  der  Vorschrift  streng  verpönt
ist.  Die  Leistungen  der  Kinder  fand  ich  fast  überall  recht  erfreulich,  besonders  Tüchtiges ­
  wurde  in  allen  amerikanischen  Schulen  im  Zeichnen  geleistet.  .  .  .
Faßt  man  die  ganze  Unterrichts-  und  Erziehungsmethode  ins  Auge,  fo  kann  sie
in  bezug  auf  Gründlichkeit  und  systematische  Ordnung  den  Vergleich  mit  unsern  guten
Schulsystemen  nicht  aushalten.  Der  Amerikaner  bildet  für  das  praktische  Leben,  die
Gründlichkeit  und  Vollständigkeit  ist  ihm  nebensächlich,  wenn  der  Junge  nur  das
lernt,  was  er  nachher  im  Leben  braucht.  Außerdem  verlangt  er,  daß  die  Rücksicht
            
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