Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

7.  Theorie  und  Praxis  im  kaufmännischen  Bildungswesen.  605

Verkauf  und  Verschiffung  der  La  Plata-Wollen  studieren  und  darauf  nach  New  Park
zurückkehren.  Die  notwendige  Kenntnis  in  der  Buchführung  und  Bilanzkunde  würde
er  sich  dort  in  einem  Business  College  aneignen.  Auf  die  ganze  Dauer  der  Ausbildung ­
  wurden  4—5  Jahre  gerechnet.
Die  mehrfach  erwähnten  Business  Colleges  find  reine  Fachschulen,  Erwerbsinstitute ­
  von  Privaten,  wo  in  der  mannigfachsten  Weise,  den  Anforderungen  des
Lebens  entsprechend,  die  Praxis  des  Kontors  schulmäßig  im  Einzel-  oder  Klassenunterricht ­
  gelehrt  wird.  Die  zum  Teil  glänzend  eingerichteten  Anstalten,  von  denen
einige  einen  Ruf  durch  die  ganze  Union  genießen,  sind,  wie  die  entsprechenden  deutschen
Institute,  herausgewachsen  aus  Schreibschulen.  Die  besseren  unter  ihnen  scheinen  mir
aber  auf  einer  wesentlich  höheren  Stufe  zu  stehen  als  unsere  üblichen  Privathandelsschulen. ­
  Einige  sind  sehr  große  Unternehmungen;  so  besitzt  G.  W.  Brown  in  Iacksonville
  (Illinois)  Niederlassungen  in  15  Städten,  und  Packard  in  New  Park  hat  über
20  000  Schüler  für  den  Kontordienst  ausgebildet.
Erziehungsanstalten  im  höheren  Sinne  des  Wortes  sind  diese  Institute  nicht.
Sie  entwickelten  sich  besonders  kräftig,  als  nach  dem  Ende  des  Bürgerkrieges  die
Heere  aufgelöst  wurden  und  die  Soldaten  zu  Tausenden  Unterkunft  in  dem  neu  aufblühenden ­
  Handel  suchten  und  fanden.  Sie  haben  auch  wesentlich  dazu  beigetragen,
der  Frau  die  Laufbahn  im  kaufmännischen  Bureau  zu  eröffnen.  Anfang  der  siebziger ­
  Jahre  erbot  sich  Packard  als  Erster  in  der  New  York  Tribune,  30  junge
Mädchen  umsonst  zu  Kurz-  und  Maschinenschreiberinnen  auszubilden.  Die  30  fanden
sich  nicht  zusammen,  aber  der  Anfang  war  gemacht.  Heute  findet  man  kaum  ein
Bureau  ohne  den  weiblichen  Typewriter  oder  Secretary.
Wenn  auch  die  Zeiten  der  Hochkonjunktur  für  den  self-made  man  drüben
vorüber  sind,  so  steigt  doch  zweifellos  ein  erheblicher  größerer  Teil  der  Großkaufmannschaft ­
  als  bei  uns  durch  eigne  Kraft  aus  den  unteren  Schichten  auf,  und  zwar  seltener
aus  dem  Kreise  der  Bureaubeamten  als  vom  Laufburschen  (Bell  Boy).  Die  Scheidung ­
  des  Bureaudienstes  von  wirklich  kaufmännischer  Arbeit  ist  drüben  noch  weiter
fortgeschritten  als  bei  uns.  Der  Lohnschreiber  hat  weniger  Gelegenheit,  seine  Gewandtheit ­
  zu  zeigen  als  der  Bell  Boy.  Für  diese  Stellung  sucht  man  sich  anstellige,
aufgeweckte  Burschen  nach  dem  Rezept  jenes  Prinzipals:  „I  don’t  care  what  he
knows,  I  only  don’t  want  a  fool“.  Der  Bell  Boy,  der  eine  Art  Faktotum  ist,
kommt  mit  den  verschiedensten  Menschen  in  Berührung,  kann  seine  Fixigkeit  in  tausend
kleinen  Handreichungen  dartun  und  sich  dem  Prinzipal  oder  anderen  höheren  Angestellten ­
  fast  unentbehrlich  machen.  Er  unternimmt  auf  eigene  Faust  in  seinen
Mußestunden  einen  Privathandel  mit  Zeitungen  oder  anderen  Sachen,  besucht  Abendkurse ­
  im  Business  College,  in  öffentlichen  Fortbildungsschulen  oder  in  den  oft  ausgezeichneten ­
  Fortbildungskursen  der  Young  Men’s  Christian  Association.
Die  Fortbildung  und  damit  das  Aufsteigen  von  unten  ist  erleichtert  durch  die
Mannigfaltigkeit  der  Fortbildungsgelegenheiten  in  den  Großstädten  und  vor  allem
durch  den  frühen  Geschäftsschluß.  Der  Amerikaner  kennt,  trotz  aller  Jagd  nach  dem
Dollar,  unsere  kulturfeindlichen  langen  Arbeitszeiten  im  Handelsgewerbe  nicht.  Er
arbeitet  intensiv,  fängt  früh  an  und  schließt  früh.  In  New  Pork  wird  im  Großhandel
um  8  Uhr  morgens  begonnen,  dafür  aber  manchmal  schon  um  3,  selten  nach  5  Uhr,
geschlossen.  Auch  im  Kleinhandel  schließen  die  größeren  Betriebe  meist  um  6  Uhr.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.