Full text: Die deutsche Wirtschaft

368 Dr. Finkenwirth: 
strument deutscher Wirtschaftspolitik; nur sie er- 
möglichten es den numerisch schwachen Kräften der Mittelmächte, den 
heldenhaften Verteidigungskrieg gegen eine Welt von Feinden so zu 
führen, daß deutsches Land von den unmittelbaren Greueln des Krieges 
verschont geblieben ist. 
Es ist hier nicht der Platz und heute auch müßig, darüber zu rech- 
ten, ob unsere Unterhändler in den Dawes-Verhandlungen die seit Sep- 
tember 1924 eingetretene Auslandskontrolle der Deut- 
schen Reichsbahn und deren enorme Belastung mit einem 
Hauptteil des uns auferlegten Kriegstributs hätten wirksam hintan- 
halten können; heute nicht zu ändernde Tatsache ist, daß die Reichs- 
bahn und damit die deutsche Wirtschaft mit einer jährlichen Auslands- 
abgabe von rund 1 Milliarde Goldmark vorbelastet ist, daß die Auf- 
bürdung einer Obligationslast von 11 Milliarden Goldmark die Kredit- 
fähigkeit der Reichsbahn, wenn nicht aufhebt, so doch ungemein 
schwächt und daß die dauernde Kontrolle des Eisenbahnbetriebs durch 
Beauftragte unserer Gegner, die ja gleichzeitig unsere Hauptkonkurren- 
ten auf dem Weltmarkt sind, eine Eisenbahnpolitik in nationalem Sinne 
zu vereiteln vermag und den Kontrollstaaten in den Gang unserer 
nationalen Wirtschaft einen Einblick gestattet, der — so wenig auch 
naturgemäß von seiner Handhabung in der Öffentlichkeit verlauten 
kann — in seinen Folgen unabsehbar ist. Es kam der Entente wohl 
weniger auf das Pfand an! Der fein ausgedachte Dawesplan ist hin- 
sichtlich der Eisenbahnbestimmungen ein Meisterstück in der Kunst, 
einen tributpflichtig gewordenen Konkurrenten zu höchsten Leistungen 
anzutreiben, um ihm die Früchte seines Mühens von Zeit zu Zeit ab- 
zunehmen, ohne irgendwie verbürgte Hoffnung, die verlorene wirt- 
schaftliche Freiheit wiederzuerlangen. Dies ist die bittere Wahrheit! 
Wenn nun in jüngster Zeit von autoritativer Seite”) erklärt worden 
ist, „von irgendeinem Versuch des Auslandes, auf die Mitglieder des 
Verwaltungsrats der Reichsbahngesellschaft einzuwirken, sei nichts be- 
kannt; man habe vielmehr von den ausländischen Mitgliedern des Ver- 
waltungsrats und dem Kommissar nur eine Förderung unserer Bestre- 
bungen erfahren, die Reichsbahn auf den Zustand zu bringen, der ihr 
ihre wirtschaftlichen und finanziellen Aufgaben ermöglicht; der Kom- 
missar habe die ihm durch die Gesetzgebung auferlegten Schranken 
eingehalten, und er fühle sich durchaus nur in der Rolle des Finanz- 
kontrolleurs der Gesellschaft und nicht in der des Kontrolleurs der 
deutschen Wirtschaft‘, so wird niemand das Vorhandensein dieser 
„korrekten‘ Beziehungen der ausländischen Vertreter zur General- 
*) Staatssekretär a, D. Dr. Stieler vor dem Verkehrsausschuß des Deutschen 
Industrie- und Handelstags.
	        
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