Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn., 369
direktion der Reichsbahn-Gesellschaft in Zweifel ziehen. Des Wesens
Kern treffen diese Darlegungen aber nicht, und ob der Herr Kommissar
sich als „Kontrolleur der deutschen Wirtschaft‘ fühlt oder nicht: die
Tatsache der Vorbelastung der deutschen Wirtschaft mit 1 Milliarde
Jahresabgabe, die 11-Milliarden-Fessel und was der Reichsbahn an Kon-
trollen und Belastungen sonst auferlegt ist, sprechen eine zu harte
Sprache, die die deutsche Wirtschaft, die das deutsche Volk nur zu
gut versteht.
So sehr dieser Zustand zu beklagen ist und so gering unser Zu-
trauen zu dem angeblich guten Willen der Kontrollstaaten nach Lage
der Dinge sein muß, ebenso falsch ist die blinde Kritik, die von
vielen, u. a. auch sonst maßgebenden politischen und wirtschaftlichen
Kreisen, an der Reichsbahnleitung geübt wird. General-
direktor Oeser hat im Februar d. J. mit dürren Worten in öffentlicher
Rede darauf verwiesen, daß nach dem Reichsbahngesetz, das der
Reichstag mit Zweidrittelmehrheit angenommen hat, die „Reparations-
lasten der Reichsbahn den volkswirtschaftlichen Belangen voran-
gesetzt werden müssen‘, Das sei der Sinn des Gesetzes, das auch
ausdrücklich das Aufsichtsrecht des Reiches an dem Punkt beschränkt,
wo das Aufkommen für die Reparationslasten gefährdet sein könnte;
die Erfüllung dieser Reparationslasten läge auch durchaus im deut-
schen Interesse, da für den Fall der Nichterfüllung die Reichsbahn in
fremde Hände gelangen könnte. Es ist Herrn Oeser darin zuzustim-
men, daß er es für absolut falsch hält, über diese Rechtslage auch
nur den geringsten Schleier zu werfen. Es wäre Pflichtverletzung
allergröbster Art, wenn die Männer, denen das schwergefährdete
Gut der deutschen Reichsbahn anvertraut ist, diese zwingenden
Vorschriften außer acht lassen und dadurch Folgen unabsehbarer
Art herbeiführen würden, Jede Kritik an der Reichsbahnver-
waltung, mag sie auch von den besten Motiven ausgehen und durch
schwere wirtschaftliche Not ausgelöst sein, muß — will sie Anspruch
auf Beachtung haben — den gegebenen Verhältnissen gerecht werden
und bedenken, daß die Verwaltung nicht frei einen selbständigen Be-
trieb verwaltet, sondern die unendlich schwere Aufgabe hat, den
größten Betrieb der Welt mit % Millionen Beschäftigten, belastet mit
großen, schweren Auflagen und Hemmnissen außen- und innenpoli-
tischer Art jahrzehntelang hindurchzusteuern, damit das kostbare Gut
der Reichsbahn unbeschädigt, entlastet und frei einst dem deutschen
Volke wiedergegeben werden kann,
Die Leitung der Reichsbahn-Gesellschaft andererseits wird ständig
sich vor Augen halten müssen, welch schwerwiegende Bedeutung alle
ihre Maßnahmen, namentlich diejenigen auf dem Gebiete der Tarilf-
Die deutsche Wirtschaft.
94