Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft, 33
Was sind die Hauptgründe für den überraschend starken
Rückgang der deutschen Ausfuhr und das verhängnisvolle Überwiegen
der Einfuhr?
Die wichtigsten sind vielleicht die folgenden:
1, Kreditnot, Eine Volkswirtschaft, die gezwungen ist, ge-
liehenes Kapital nicht etwa um einen Bruchteil höher zu verzinsen als
andere Länder, sondern die deren Zinshöhe multiplizieren muß, die zu
einem Diskontsatz von 10 % gezwungen ist, während er in England,
den U, S, A, und anderen Staaten zwischen 5 und 3 % schwankt, be-
lastet ihre Produktion mit weit höheren Kapitalspesen.
2, Gleichzeitig ist sie außerstande,fürihre Lieferun-
gen einsolanges Ziel zu gewähren, wie es insbesondere
die im Kapitalüberfluß lebenden Vereinigten Staaten tun können. In
vielen Ländern aber wird ein langes Ziel (3 oder 6 Monate und noch
mehr) zur Bedingung des Kaufes fremder Waren gemacht. Zahlreiche
Lieferungsgeschäfte haben sich infolgedessen für Deutschland zer-
schlagen.
3. Alle Welt hat sich mit Schutzzöllen umgeben. Selbst Eng-
land, jahrzehntelang auf seinen Freihandel sehr stolz, hat ein Industrie-
schutzgesetz erlassen, das fremden Wettbewerb rücksichtslos abwehrt.
Empfindlich wird die Ausfuhr deutscher chemischer Erzeugnisse,
die wir als Beispiel für das Exportschicksal unserer Qualitätsindustrien
wählen können, durch die hohen Zollmauern gehemmt, die so viele
andere Länder errichtet haben. England, das die chemische Industrie
zu den Schlüsselindustrien rechnet, erhebt einen Schutzzoll von 33% %,
zu denen noch einmal der gleiche Betrag tritt, sobald nach Ansicht der
englischen Behörden ein Dumping vorliegt. Für Teerfarbstoffe ist eine
besondere Einfuhrbewilligung vorgeschrieben, die nur in Ausnahme-
fällen erteilt wird, — Der Zolltarif der U, S. A. vom 21. IX. 22 belegt die
Kohlenteerprodukte mit einem Zoll von 55 bzw. 60 % des Wertes, zu-
züglich eines Gewichtszolles von 7 Cents das Pfund. Als Wert gilt aber
nicht sowohl der Einfuhrwert als der amerikanische Inlandswert. — Die
höchsten Zölle für deutsche Chemikalien erhebt Frankreich, alsdann
die Tschechoslowakei, die im Durchschnitt das 11fache des Durch-
schnittes in Deutschland verlangen, Polen, wo das 10fache, die Ver-
einigten Staaten, wo das 9ache gefordert wird. Gegen die deutsche
Chemikalieneinfuhr haben sich ferner Spanien, Italien und andere
Länder abgeschlossen. Einen so niedrigen Zollschutz für chemische Pro-
dukte wie Deutschland haben nur noch Schweden und die Schweiz.
4. Politische Feindschaft wirkt ebenfalls hemmend auf
die deutsche Industriewarenausfuhr. Es sei nur daran erinnert, daß
Die deutsche Wirtschaft.