Full text: Die deutsche Wirtschaft

50 Prof, Dr. Ernst Schultze: . 
Folge war, daß die Vereinigten Staaten ihren Kalibedarf statt in 
Deutschland nun in Frankreich deckten, so daß unsere Kali-Ausfuhr ins 
Stocken geriet, 
Die übrigen kartellierten und die große Mehrzahl der nichtkar- 
tellierten Industrien hat, wie gesagt, den umgekehrten Weg beschritten, 
Ihnen lag, so wurde behauptet, mehr am Ausland als am Binnenmarkt, 
Eine Zeitlang waren etwa bestimmte in Deutschland erzeugte Arznei- 
mittel daheim für den Verbraucher kaum zu haben, weil der ganz über- 
wiegende Teil der Produktion ins Ausland ging. Wurde es doch er- 
forderlich, den Ausverkauf deutscher Waren (neu produzierter und 
schon vorhandener, namentlich Möbel und Hausgerät) in das valutastarke 
Ausland durch strenge Ausfuhrverbote und den Aufbau einer kost- 
spieligen Ausfuhrkontrolle zu.verhindern. Deutsche Fabrikindustrien 
mußten zum Teil das Halbzeug im Auslande beziehen, weil deutsche 
Rohstoffe billiger dorthin als an unsern eigenen Markt geliefert 
wurden, 
Die Industrie lebte fast allgemein in dem Glauben, daß es in erster 
Linie auf die Ausfuhr ankomme. Das war zunächst privatwirtschaftlich 
gedacht, hüllte sich aber gern in den Mantel volkswirtschaftlicher 
Gründe, Gewiß konnte es für Deutschland nützlich sein, wenn es durch 
gesteigerte Ausfuhr Devisen zur Abzahlung seiner nach dem Kriege 
so viel zahlreicheren Verpflichtungen an das Ausland erwarb, Allein 
eine klare Gewinn- und Verlustrechnung ließ sich in den Inflationsjahren 
leider nicht aufstellen, es mangelte dazu sowohl an den wissenschaft- 
lichen wie an den praktischen Grundlagen. Selbst als man in den 
Industriezweigen, die es durchzusetzen wußten, daß der Staat sie von 
dem Verbote der Fakturierung in Auslandswährung befreite, die 
deutsche Währung grundsätzlich aus allen Preisberechnungen und 
Kalkulationen ausschaltete und versuchte, auch Gestehungskosten und 
Löhne in Dollars oder anderen stabilen Fremdwährungen auszudrücken 
und zu zahlen (wie in der Farben-Großindustrie oder in der Schmuck- 
stein-Industrie des Nahegebietes oder in Hamburger Handelshäusern), 
ergaben sich empfindliche Preiszerrungen, da es eben nicht möglich ist, 
in einer Volkswirtschaft, rechne sie in welcher Währung sie wolle, 
isolierte Wirtschaftsinseln auf anderer Währungsgrundlage zu bilden, 
So kam es zur Verschleuderung erheblicher Vermögensteile des 
deutschen Volkes durch die Ausfuhr, von der man doch den wirtschaft- 
lichen Wiederaufbau erhofft hatte. Zugleich haben diese Jahre der deut- 
schen Ausfuhrwirtschaft einen anderen empfindlichen Schaden zugefügt: 
Handel und Produktion wichen von den alten, gediegenen Grundsätzen, 
die Deutschland vor dem Kriege in der Welt groß gemacht hatten, zum 
Teil in bedauerlicher Art ab. 
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