Die staatspolitische Bedeutung der Landwirtschaft, 461
seiner Lösung entgegen, Auf dem Gebiete der Grünlandwirtschaft
wird die Züchtung hochwertiger Gräser und Kleearten in den kommen-
den Jahren eine große Rolle spielen. Während unsere Getreidezucht
durch die hervorragenden Leistungen unserer deutschen Züchter in
wenigen Jahren um mindestens 10 % gesteigert wurde, ist auf dem
Gebiete der Gräserzucht bisher noch wenig geschehen, und doch haben
neue Züchtungsversuche ergeben, daß es sehr wohl möglich ist, die
vorhandenen Gräser züchterisch so zu bearbeiten, daß sie auf der
Fläche bei gleicher Düngung nicht nur an Masse, sondern auch an
Nährwert ein sehr viel gehaltreicheres Futter als die bisher zur Ver-
wendung kommenden Grassamen ergeben.
In Deutschland befinden sich außer den 27,3 Millionen Hektar land-
wirtschaftlich benutzter Fläche noch 3,5 bis 4 Millionen Hektar Ödland,
darunter über 2 Millionen Hektar Moor, von denen 1,1 bis 1,2 Millionen
Hektar ohne große Schwierigkeiten sofort und eine mindestens ebenso
große Fläche in späterer Zeit bei günstigeren wirtschaftlichen Voraus-
setzungen urbar gemacht werden können. Es kann also kaum ein
Zweifel darüber bestehen, daß es bei dem heutigen Stande der land-
wirtschaftlichen Technik der Landwirtschaft gelingen müßte, auch eine
größere Bevölkerungszahl als die gegenwärtige zu ernähren.
Mit dieser möglichen und notwendigen Intensivierung der land-
wirtschaftlichen Produktion geht eine starke Arbeitsbeschaffung für
unsere Industrie als Ersatz für den verlorengegangenen Auslandsmarkt
Hand in Hand, um so mehr als die Verwendung von Maschinen in der
deutschen Landwirtschaft heute besonders im Kleingrundbesitz noch
lange nicht den Umfang erreicht hat, der für die intensive Wirtschaft
nötig und vorteilhaft ist. Hierzu treten die Arbeits- und Verdienst-
möglichkeiten, die sich für Industrie und Handel aus der Urbarmachung
des Ödlandes ergeben. Bei richtiger Ausnutzung der im deutschen
Boden noch schlummernden Kräfte wird man trotz ungünstigen Klimas
und trotz zum großen Teil wenig fruchtbaren Ackerlandes der heutigen
weltwirtschaftlichen Lage Rechnung tragen können. Sie hat die indu-
striellen Erzeugnisse Deutschlands auf der ganzen Linie zurückgedrängt.
Das Deutschland der Vorkriegszeit, das sich — gestützt auf die syste-
matische Pflege des Exporthandels und der Exportindustrie seitens der
Regierung — in erstaunlich raschem, aber — wie der Krieg gelehrt
hat — für die Gesamtheit des Volkes bedenklichem Umfange von
einem Agrar- zu einem Industrie- und Handelsstaat entwickelt hat,
muß zurückgeleitet werden, zwar nicht in die Bahnen eines reinen
Agrarstaates, wohl aber eines industrialisierten Agrarstaates, d. h.
eines Staates, der den heimatlichen Boden unter stärkster Inanspruch-
nahme industrieller Hilfsmittel zu einer Höchstleistung zwingt und