462 Graf Eberhard von Kalckreuth:
damit der Gesamtheit des Volkes durch landwirtschaftlichen Export
wirtschaftlichen Ersatz für den Ausfall der Industrieausfuhr schaflit.
Bevölkerungspolitisch ist auf Grund der vorhandenen statistischen
Unterlagen festzustellen, daß in der Landbevölkerung eine erheblich
größere Lebenskraft gegenüber der städtischen Bevölkerung liegt,
In Preußen entfielen auf 1000 weibliche, im Alter von 15 bis 45
Jahren stehende Personen durchschnittlich jährlich
Lebendgeborene:
Zeitabschnitt 1876/80 1881/90 1891/95 1896/1900 1901/05 1906/10 1911/14
auf dem Lande 182,9 179,1 181,9 183,1 178,1 168,8 152,3
in den Städten 160.6 145.2 140,7 136,6 129,1 117,6 100,0
Differenz 23,3 339 412. 465 2490 1512 516
Nach den Sterbetafeln für 1911 bis 1914 betrug in Preußen die mitt-
lere Lebensdauer für die Neugeborenen:
männliche weibliche
auf dem Lande . . . . ,‚ . 149,22 Jahre 51,85 Jahre
in den Städten U 4622 50,83
Über 50 % der männlichen Personen überlebten auf dem Lande das
61. Lebensjahr, während in den Städten nur 42 % dieses Alter erreich-
ten. Die Lebenskraft der ländlichen Bevölkerung ist der Quell, aus
dem jahraus, jahrein der Menschenstrom in die Städte und Industrie-
bezirke fließt, der nach Hunderttausenden jährlich zählt, Als eine der
bedenklichsten Erscheinungen der Neuzeit ist der in den Großstädten
schon seit Jahren beobachtete freiwillige Geburtenrückgang nunmehr
auch auf dem Lande festzustellen. Es muß eine der wesentlichsten Auf-
gaben der Landwirtschaft und der Regierung sein, dieser bedauerlichen,
bevölkerungspolitisch schädlichen Erscheinung entgegenzuarbeiten,
Damit gelangen wir zu dem Werte, welcher der Landwirtschaft als
politischer Faktor im Staate zukommt. In einer Zeit fortschreitender
Industrialisierung und sich ausdehnender Verstaatlichung gewinnt der-
jenige Stand an Bedeutung, der das natürliche Gegengewicht gegen eine
zu starke und rasche Ausdehnung dieser Entwicklung bildet. Im
Landvolke ruhen die sittlichen und politischen Eigenschaften, die den
gegebenen Ausgleich zu der ganz anders gearteten industriellen und ge-
werblichen Bevölkerung darstellen. Das Leben auf dem Lande bildet
eine andere Menschenart. Eng verknüpft mit dem Herkommen und
den Bräuchen, verwachsen mit der Scholle, ist der Bauer ein schwer-
fälliges Glied in dem natürlichen Organismus des Staates. Ihm mangelt
der rasche und bewegliche Geist, welcher dem Handelsstande und vie-
len Gewerbetreibenden eigen ist. Er ist bodenständig, Wie er selbst
Neuerungen schwer zugänglich ist, so ist auch sein Betrieb den Zufällig-