Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft, 505
den ungarischen Bahnen Frachtsätze, die den Transitverkehr nach
Deutschland oder Polen unmöglich machten, und gestattete Serbien
keinen Mittelmeerhafen zur Ausfuhr seiner Produkte, So bereitete man
selbst den Nährboden, auf dem die fanatische, von Rußland ge-
schürte antiösterreichische serbisch-nationalistische Agitation üppig ins
Kraut schoß,
Die gegenseitige Absperrungspolitik, die zu dem viele Jahre
dauernden österreichisch-ungarisch-rumänischen Zollkrieg führte, hat
jedenfalls die beiderseitigen politischen Beziehungen beider Staaten
überaus nachteilig beeinflußt.
Bismarck hat sich die größte Mühe gegeben, den Draht, der uns
politisch mit Rußland verband, zu erhalten. Wer aber — wie der
Schreiber dieser Zeilen — in den Jahren der wachsenden gegenseitigen
Zollschranken nahe der russischen Grenze gewohnt und sie recht häufig
überschritten hat, der weiß auch, wie die Stimmung hüben und drüben
immer gespannter wurde und der aufmerksame Beobachter sich sorgen-
voll fragte: „Wann kommt es zum Krieg, der nicht mehr fern ist?“
Dem stiegen doch schon damals sehr ernsthafte Zweifel auf, ob das
Bismarcksche System: „politische Freundschaft, wirtschaftliche Gegner-
schaft‘ sich bewähren würde, War doch die russisch-französische
Annäherung bereits während Bismarcks Kanzlerschaft zustande
gekommen und durch nichts so gefördert worden wie durch die von
ihm angeordnete Sperrung des deutschen Geldmarktes für russische
Anleihen; sie trieb Rußland geradezu in Frankreichs Arme.
Wenn man dagegen nach Abschluß des deutsch-russischen Handels-
vertrags von 1894 über die Grenze kam, begegnete man einer erfreu-
lichen Entspannung, Der lebhafte Warenaustausch, die sich mit ihm
steigernden angenehmen Beziehungen der Geschäftsfreunde, die Befriedi-
gung über den sich mehrenden Wohlstand diesseits und jenseits der
Grenzpfähle schufen eine friedfertige Stimmung. Jedermann wünschte
den Frieden und in ihm weitere wirtschaftliche Belebung. Ganz anders
wurde aber wiederum die Stimmung nach dem auf Grund des Bülow-
tarifs 1906 in Kraft getretenen neuen Handelsvertrag mit seinen beider-
seits erhöhten Zollschranken, Zwar stiegen Ein- und Ausfuhr weiter,
aber die Ausfuhr russischen Weizens und Roggens nach Deutschland
ging bei den erhöhten Zöllen stark zurück. Unter dem Ausbau der Ein-
fuhrscheine zu Ausfuhrprämien wurde sogar beträchtlich Roggen, aber
auch Hafer, nach Rußland ausgeführt und drückte dort die Preise. Dies
verstimmte die landwirtschaftliche Bevölkerung, die in Rußland die
ungeheure Mehrheit ausmacht, Willig lieh sie den panslawistischen
Anklagen ihr Ohr: Deutschland habe diesen Handelsvertrag unter
Ausnutzung der russischen Niederlage gegen Japan erpreßt, der Ruß-