Full text: Die deutsche Wirtschaft

508 Reichsminister a, D, Dr.-Ing, e. h, Gothein: 
Gleichmut betrachtete, weil sie durch die enorme Aktivität der Zahlungs- 
bilanz völlig in den Schatten gestellt wurde, wird heute selbst in Eng- 
land schwer empfunden. Sie drückt sich in einer nachhaltigen und um- 
fassenden Arbeitslosigkeit, in einem Sinken der Rentabilität, einem 
Rückgang der Seeschiffahrt, der Kohlenförderung, der Eisenproduktion, 
des Schiff- wie Maschinenbaues wie der Lebenshaltung und in einem 
kaum tragbaren Steuerdruck aus, Die obenangeführte Zunahme 
des Nationalvermögens ist angesichts des gesunkenen Geldwertes tat- 
sächlich auch nur eine scheinbare, Das Unbefriedigende der Wirtschaft 
löst den Schrei nach Schutzzöllen aus, 
Selbst die Staaten, die am Kriege nicht oder doch nur in sie wenig 
berührendem Maße teilgenommen haben, vermochten ihre Ausfuhr 
nicht wesentlich zu steigern, Seine Verarmung macht Europa wenig 
aufnahmefähig für ihre Produkte. Die in starkem Aufstieg befindliche 
Konsumkraft Nordamerikas vermag ihnen dafür keinen vollen Ersatz 
zu gewähren, Darüber läßt ihre Kaufkraft für die europäischen 
Industrieerzeugnisse ebenfalls nach, waren sie doch auch während des 
Krieges gezwungen, eigene Industrien zu entwickeln, 
HL 
Eine schwere Gefahr für die übrige Welt bietet die Wirt- 
schaftspolitik der Vereinigten Staaten von 
Amerika, Ihr brutaler Protektionismus führt zu einer überaus 
starken Drosselung der Einfuhr, während die Welt ihre Ausfuhr weniger 
als je entbehren kann, Die Revolution in Rußland, die Agrarrevolution 
in Rumänien wie in den ehemaligen russischen Ostseeprovinzen haben 
die Getreideproduktion und Ausfuhrfähigkeit dieser Länder ungeheuer 
eingeschränkt, die letztere nahezu vernichtet und damit Nordamerika 
an die erste Stelle der Getreideausfuhrländer gerückt, Der Rückgang 
der Wollproduktion und die starke Steigerung der Wollpreise haben 
die Nachfrage nach Baumwolle verschärft, die Baumwollpreise enorm 
erhöht. Die Verringerung der Vieh-, besonders der Schweinehaltung 
in Europa steigert die Nachfrage nach amerikanischem Schmalz, der 
wachsende Papierverbrauch die nach Holz, die elektrotechnische wie 
die Automobilentwicklung die nach Kupfer und Blei. In all dem und in 
noch vielem andern kann die Welt die nordamerikanischen Lieferungen 
nicht entbehren, Da die Vereinigten Staaten aber die Einfuhr weit- 
gehend durch exorbitante Zölle und anderweitige Erschwerungen fern- 
halten, so wächst ihr Ausfuhrüberschuß ständig, In den letzten 
drei Monaten 1924 hat er 523,4 Millionen Dollar betragen, Das ist bei 
einem Schuldnerland allenfalls zu ertragen, bei einem ausgesprochenen 
Gläubigerland muß es dazu führen, daß die andern Länder immer mehr
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.