510 Reichsminister a, D, Dr.-Ing. e. h. Gothein:
Die jetzige amerikanische Wirtschafts- und Einwanderungspolitik
liegt nicht im Interesse des amerikanischen Volkes, und sie ist geeignet,
es in einen ausgesprochenen Gegensatz zu allen andern Völkern zu
bringen, Dessen sollte sich gerade dieses von ehrlichem Friedenswillen
erfüllte, moralischen Erwägungen so zugängliche Volk klar werden!
Dem Mächtigen ist alles erlaubt. Doch „alle Schuld rächt sich auf
Erden‘,
I
Kein großes Volk ist heut so ohnmächtig wie das deutsche. Seine
Wirtschaftspolitik kann nicht mehr durch Macht unterstützt werden.
Vom russischen abgesehen ist auch keines so verarmt, Im Krieg hat es
nahezu ein Achtel seiner im Alter von 18—46 Jahren stehenden männ-
lichen Bevölkerung durch den Tod verloren, hat nahezu drei Fünftel
seines Nationalvermögens eingebüßt, und ihm werden Reparations-
leistungen zugemutet, die nach einer kurzen Übergangszeit auf
2,5 Milliarden Goldmark jährlich anwachsen. Der Dawesplan spricht
wenigstens klipp und klar aus, daß diese Zahlungen allein aus den Über-
schüssen der Ausfuhr über die Einfuhr geleistet werden können, und
das auf ihm aufgebaute Londoner Abkommen bestimmt, daß
1. die Transferierungen dieser Zahlungen an die Reparations-
empfängerstaaten nur insoweit erfolgen dürfen, als dadurch keine Ge-
fährdung der deutschen Währung eintritt, und daß
2, eine Revision des Friedensdiktats eintreten muß, wenn das aus
diesem Grund nicht transferierbare Guthaben des Agenten der Repara-
tionskommission bei der Deutschen Reichsbank 5 Milliarden Goldmark
erreicht,
Damit ist einmal eine weitgehende Vorsorge für die Stabilität der
deutschen Währung getroffen und steht eine Revision des Versailler
Diktats ebenso wie des Londoner Abkommens, wenn auch erst in 6 bis
7 Jahren, in Aussicht, Dadurch, daß sowohl England wie Frankreich
vom Wert der deutschen Ausfuhr sich 26 % stets sofort vom Repara-
tionsagenten vergüten lassen und dieser auch die Zahlungen für alle
Reparations-Sachlieferungen alsbald zu leisten hat, erfährt diese Siche-
rung der deutschen Währung allerdings eine nicht unbedenkliche
Schwächung,
Einstweilen sind die Aussichten, die deutsche Handelsbilanz aktiv
zu gestalten, gering, 1924 stand einer Wareneinfuhr im Werte von
9135 Millionen Reichsmark nur eine Warenausfuhr im Werte von
6531 Millionen Reichsmark gegenüber, Es ergab sich also ein Ein-
fuhr überschuß von rund 2600 Millionen Reichsmark, Im Januar 1925
hat er sogar 586 Millionen Reichsmark betragen. Er beruht nicht aus-
schließlich auf vermehrter Einfuhr, sondern auch auf der stark zurück-
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