512 Reichsminister a. D, Dr.-Ing, e, h, Gothein:
dadurch unsere Ausfuhrfähigkeit erheblich eingebüßt hat, Die ganze
Berechnung, daß wir bei einer Ausfuhr im Werte von 14 Milliarden
2% Milliarden Reichsmark Reparationszahlungen aus Ausfuhrüber-
schüssen leisten könnten, ist daher eine Milchmädchenrechnung., Das
um so mehr, als wir noch die Verzinsung und Tilgung der zum Wieder-
aufbau unserer Wirtschaft aufgenommenen Auslandsanleihen auf-
bringen müssen, Wir müßten unsere Ausfuhr auf mindestens 18 Mil-
liarden, d. i. nahezu das Dreifache der letztjährigen, bringen, um allen
uns auferlegten Verpflichtungen gerecht zu werden,
Ist das Ausland in der Lage oder auch nur gewillt, eine solche
gewaltige Warenausfuhr aufzunehmen? Rußland, das uns vor dem Krieg
für 880 Millionen Mark Waren abnahm, dürfte jetzt einschließlich
seiner Nachfolgestaaten‘) auf kaum mehr als 350 Millionen Reichs-
mark kommen, Unsere Ausfuhr nach Großbritannien ist von 1432 auf
etwa 460 Millionen, die nach Frankreich (altes Gebiet) von 790 auf
etwa 80, die nach den Vereinigten Staaten von Amerika von 713 auf
etwa 410, die nach Belgien von 551 auf rund 85 Millionen Mark
gesunken. Und die Erfahrungen mit verschiedenen Handelsvertrags-
verhandlungen zeigen, wie wenig die Gegner geneigt sind, die Kon-
sequenzen des Londoner Abkommens zu ziehen. Man will Repara-
tionszahlungen; man weiß, daß sie nur aus Ausfuhrüberschüssen zu
leisten sind, verlangt aber von Deutschland Erleichterung der Einfuhr
und sucht dessen Erzeugnisse von sich fernzuhalten. Welchen Sturm
hat allein in England der Auftrag zum Bau von fünf großen Motor-
schiffen an die Deutsche Werft erregt!
Mit dem Abschluß von Handelsverträgen und der Wiederein-
räumung der Meistbegünstigung dürfte sich allerdings die deutsche Aus-
fuhr wieder heben. Aber wir müssen auch alles daransetzen, unsere
Handelsbilanz wieder aktiv zu machen. Denn ein Schuldnerland mit
passiver Bilanz muß verelenden, kann auf die Dauer auch seine Wäh-
rung nicht halten, Gerät diese aber wieder ins Gleiten, so ist das Chaos
nicht zu vermeiden,
Y,
Nun beruht der Rückgang unserer Ausfuhr keineswegs allein in
den Schwierigkeiten, die andere Staaten der Einfuhr unserer Waren
und der Einreise unserer Handelsvertreter machen, sondern noch mehr
darin, daß unsere Waren teurer als die anderer Länder sind, Wollen
wir mit Erfolg den Wettbewerb mit ihnen aufzunehmen, so müssen wir
unser Preisniveau senken, Voraussetzung dafür ist die Senkung der
Selbstkosten, Inwieweit ist eine solche möglich?
*) Von Polen ist dabei nur Ostpolen einbezogen,
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