Full text: Die deutsche Wirtschaft

Wirtschaft und politische Parteien. 47 
ösen Idee sich aufbaut, so ist damit eine bestimmte Stellung zur Wirt- 
schaft nicht gegeben. Gewiß hält auch das Zentrum an dem Grund- 
gedanken des Privateigentums fest, aber es sieht im Eigentum nur eine 
von Gott den Menschen übertragene Aufgabe, die deshalb der Mensch 
nicht nach seinem Gutdünken lösen dürfe, sondern nur in der Weise, 
wie es dem göttlichen Gebot entspricht. Von diesem Standpunkt aus 
ist es begreiflich, daß im Zentrum sozialpolitische Ideen sehr früh Boden 
faßten, seine Führer, erwähnt seien nur Trimborn und Hitze, aber 
auch Stegerwald, für einen kraftvollen Eingriff des Staates in die Frei- 
heit des einzelnen zugunsten der wirtschaftlich Schwachen eintraten. 
Die Stellung auf der anderen Seite zum Schutzzoll oder Freihandel, 
auch zur Steuergesetzgebung, wird von Opportunitätsgründen bestimmt 
und nicht durch Weltanschauungsfragen., 
Eine liberale Partei wird geneigt sein, auch in wirtschaftlichen 
Fragen der Freiheit möglichst das Wort zu reden. Es gab eine Zeit, 
in der wirtschaftlicher und politischer Liberalismus miteinander iden- 
tisch waren, Auch hier vollziehen sich mit der Zeit Wandlungen, doch 
bleibt eine gewisse Grundtendenz vorhanden, Es ist nicht uninteres- 
sant, diese Wandlungen einmal sich kurz zu vergegenwärtigen. Die 
Spaltung in der großen Nationalliberalen Partei der Reichsgründung 
tıat ein, als die Frage des Schutzzolles aufkam und der eine Teil der 
Nationalliberalen mit Bennigsen sich für den Schutzzoll einsetzte und 
die Bismarcksche Wirtschaftspolitik, während der andere, die Frei- 
sinnigen in den verschiedensten Schattierungen, an dem Gedanken des 
wirtschaftlichen Liberalismus festhielt. Wie in England die liberale 
Partei der Vorkämpfer für den Freihandel geblieben, so eine Zeitlang 
auch diese Parteigruppen, die sich in ihrem Individualismus als die 
stärksten Gegner der Sozialdemokratie auf wirtschaftlichem Gebiet 
fühlten, so daß sie z. B. auch einer sozialen Zwangsversicherung wider- 
strebten, Aber auch hier treten Wandlungen ein, 1902 setzte sich 
Eugen Richter für den Zolltarif ein. Die Nachkriegszeit führte die den 
damaligen Freisinnigen entsprechende heutige Demokratische Partei 
sehr stark an die Seite der Sozialdemokratie, Sie entfernt sich damit 
immer mehr von dem alten wirtschaftlichen Liberalismus und redet 
einem starken Eingriff des Staates in die Privatwirtschaft, insbesondere 
in den Arbeitsvertrag, also auf sozialpolitischem Gebiet, in steigendem 
Maße das Wort. Umgekehrt wendet sich die alte Nationalliberale Par- 
tei, die mit Bismarck für Schutzzoll und Sozialversicherung eingetre- 
ten war, als Deutsche Volkspartei nach Ausgang des Krieges am schärf- 
sten gegen das Aufrechterhalten der Zwangswirtschaft, Sie ist gewiß 
weit entfernt vom Manchestertum der 50er Jahre, Sie ist von der Not- 
wendigkeit des sozialen Ausgleichs durchdrungen. Aber ihre liberale
	        
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