Full text : Die deutsche Wirtschaft

45 Prof. Dr, Moldenhauer:
Grundtendenz wehrt sich gegen Übergriffe des Staates, sucht auch im
modernen Staat eine möglichst freie Entwicklung der produktiven
Kräfte. Eine konservative Staatsgesinnung, die die Staatsautorität in
den Vordergrund schiebt, wird leicht geneigt sein, dem Staat Eingriffe
auch in die Privatwirtschaft zu vindizieren, soweit nicht durch solche
Eingriffe die unmittelbaren Interessen der Mitglieder der Partei eine
ernstliche Gefährdung erfahren; aber über die Einwirkung dieser Rücksicht
 ist weiter unten zu reden, Die alte Konservative Partei hat Bismarcks
 Wirtschafts- und Sozialpolitik mitgemacht. Sie hat die Handelspolitik
 Caprivis wegen ihrer ungünstigen Wirkung für die Landwirtschaft
 bekämpft. Sie stand hinter dem Schutzzoll von 1902, In ihr
entwickelte sich andererseits frühzeitig ein Flügel, der, ähnlich wie
das Zentrum von religiösen Vorstellungen ausgehend, eine andere Auffassung
 des Verhältnisses von Arbeitgeber und Arbeitnehmer zueinander
 verlangte und daher dem Gedanken staatlichen Eingriffs in diese
Verhältnisse geneigt war, Wie im Staate die Ordnung aufrechterhalten
 werden sollte, so auch Disziplin und Unterordnung im Betrieb.
Auf der anderen Seite wurde die Notwendigkeit erkannt, im Arbeitnehmer
 den christlichen Mitmenschen zu sehen und ihn deshalb gegen
Unterdrückung und Ausbeutung zu schützen, In der heutigen Deutschnationalen
 Partei sind dieselben Strömungen vorhanden. Auch sie
lehnt eine Zwangswirtschaft ab, aber auch sie stellt bewußt den Staat
über die Wirtschaft und hält an den sozialen Traditionen der alten
Konservativen Partei und ihres christlich-sozialen Flügels fest.
Aber die Stellung der Parteien zur Wirtschaft wird, wie schon
oben angedeutet, nicht nur durch ihre Grundanschauung, sondern auch
wesentlich durch ihre Zusammensetzung bestimmt, Dabei wird die
Grundanschauung vielfach bestimmend für die Zusammensetzung und
diese wieder für die politische Idee. Beides bedingt einander, Man pflegt
seit alters her zu sagen, daß der an der Scholle und Überlieferung
haftende Landwirt zur Konservativen Partei drängt, der freie Beruf, der
beweglichere Kaufmann, der Industrielle, die wirtschaftlich liberale
Anschauungen haben, werden sich auch am leichtesten politisch liberal
orientieren. Von dem Augenblick an, in dem eine Lohnarbeiterschaft
entsteht, liegt es nahe, daß breite Massen dieses Standes sich in die
sozialistischen Parteien drängen, weil der Sozialismus sich gegen den
Arbeitgeber richtet, dem sie oft genug in ihrem Beruf als Gegner gegenüberstehen
 und weil er ihnen einen wenn auch utopischen Ausweg aus
den Nöten der Gegenwart verspricht. Die Zusammensetzung muß auf
die Stellung der politischen Parteien zu den Fragen der Wirtschaft einwirken,
 am stärksten dort, wo in einer Partei ein Berufsstand allein
oder doch überwiegend vorherrschend ist, Die sozialistischen Parteien
            
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