Full text: Die deutsche Wirtschaft

Wirtschaft und politische Parteien. 49 
sind fast ausschließlich Arbeiterparteien. Nur wenige Mitglieder an- 
derer Berufsstände zählen sie, einige Vertreter freier Berufe, der Jour- 
nalisten und Rechtsanwälte, heute eine größere Zahl von Beamten, die 
sich dann aber viel weniger als Beamte denn als Arbeitnehmer des 
Staates fühlen, kaum Vertreter der Landwirtschaft, des Handwerks 
und des Handels, So kommt es, daß die sozialistischen Parteien die 
Wirtschaft und die Fragen der Wirtschaftspolitik mit den Augen des 
Arbeitnehmers und des Konsumenten betrachten, aus diesen Kreisen 
allein rekrutieren sich ihre Wähler, deren Masseninstinkten, auch wenn 
sie wirtschaftlich vollkommen in die Irre gehen, sie Rechnung tragen 
müssen, Deshalb sind sie Gegner eines Schutzzolles, Gegner indirekter 
Steuern, deshalb Freunde weitestgehender sozialpolitischer Einschrän- 
kung des Unternehmerwillens und der Unternehmerinitiative. Die 
bürgerlichen Parteien umfassen alle Schichten der Bevölkerung, die sich 
zu einer bestimmten politischen Auffassung bekennen. Aber auch in 
ihnen sehen wir die Berufsstände nicht in der gleichen Zahl verteilt. Wie 
die Landwirtschaft in der alten Konservativen Partei ihre Hauptvertre- 
tung sah, so zählen auch heute die überwiegenden Massen der Land- 
wirtschaft zur Deutschnationalen Partei, mit Ausnahme der Angehörigen 
der christlichen katholischen Bauernvereine, die trotz stärkster wirt- 
schaftlicher Bedenken eben durch das religiöse Band am Zentrum fest- 
gehalten werden. In der Demokratischen Partei tritt die Landwirt- 
schaft ganz zurück, In der Deutschen Volkspartei ist sie jedenfalls in 
erheblich geringerem Umfang vertreten als bei den Deutschnationalen. 
Nur der Westen macht hier eine Ausnahme. Daraus folgt, daß in ihrer 
Wirtschaftspolitik die Deutschnationale Volkspartei insbesondere den 
Bedürfnissen der Landwirtschaft Rechnung tragen muß. Sie neigt des- 
halb am stärksten dazu, durch Schutzzölle die Landwirtschaft zu 
schützen, doch darf nicht übersehen werden, daß der starke gewerk- 
schaftliche Flügel innerhalb der Deutschnationalen ein Gegengewicht 
gegen eine allzu einseitige landwirtschaftliche Interessenpolitik bildet. 
Man hat die alte Nationalliberale Partei häufig als die Partei der 
Schwerindustrie bezeichnet. Sicher war es eine Übertreibung, aber 
man kann nicht leugnen, daß gerade die führenden Köpfe der Wirt- 
schaft in ihr, der am meisten ihrer Grundanschauung entsprechenden 
Partei, standen. Man hat die Deutsche Volkspartei häufig als die 
Partei der Wirtschaft bezeichnet, auch diese Bezeichnung ist nicht 
richtig, deutet aber an, daß die liberale Grundrichtung auf die Männer 
der Wirtschaft besonders anziehend wirken muß. Diese Zusammen- 
hänge müssen die Stellung zu den Wirtschaftsfragen beeinflussen. Die 
alte Freisinnige Partei hat man vielfach als die Partei des mobilen 
Kapitals, als die Freundin der Börse bezeichnet, Bei dem merk- 
Die deutsche Wirtschaft.
	        
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