Die Wirtschaft und die soziale Frage. 57
ordnen und Ausführen können gemeinsame Handlungen, welche viel-
fache mitwirkende Kräfte erfordern, vollbracht werden. Aber nun ist
das Geheimnis des Herrschens, daß die Herrschaft nicht gefühlt werden
darf, daß sie nicht als ein harter und peinvoller Druck empfunden wird.
Sie muß gern und freiwillig hingenommen, ja gesucht werden. Im
Grunde verlangen die Menschen, da sie nicht selbständig ihr Leben in
der Isolierung gestalten können, nach nichts dringlicher als nach der
rechten Herrschaft, die sie an den rechten Platz stellt und ihnen die
rechten Aufgaben zuweist, in denen sie die volle Befriedigung ihrer
Lebensbetätigung finden, Dies ist das Ideal, das zwar niemals völlig
erfüllt werden kann, wie bei jedem Ideal, dem das Leben sich aber
dennoch ziemlich annähern muß, wenn es nicht tragisch zerspringen
soll, nicht in inneren Konflikten sich aufreiben soll. Man kann die
ganze Lage der heutigen Wirtschaft in den einen Satz zusammenfassen:
„Großartig ist unsere Wirtschaft in der Materialbeherrschung, aber
gänzlich versagte sie bisher in der Menschenbeherrschung.‘ Der Weg
aber zur rechten Menschenbeherrschung ist die Kunst der Psychologie.
Ich sage absichtlich: die Kunst, Nicht nur das Verständnis der in
Betracht kommenden psychologischen Gesetze, sondern deren An-
wendung ist das Gebot, das hier Erfüllung heischt. Wie
die gesamte Staatskunst an erster und entscheidender Stelle
die Kunst der Psychologie verlangt, durchdringende Menschen-
kenntnis, so besteht die Wirtschaft nicht nur in der Überwältigung der
Elemente, die sie in den Dienst des Menschen zwingt, sondern vor-
nehmlich auch in der eindringenden und durchdringenden Erkenntnis
des Menschenwesens, da nur menschliche Kräfte in gemeinsamer Arbeit
die Elemente bezwingen können, Man kann den Menschen nicht wie
eine mechanische Größe, die ein für allemal und unweigerlich ihre be-
stimmten Gesetze abrollt, in Rechnung stellen, man kann die
Menschenkräfte nicht wie mathematische Größen, nach Art der be-
rechenbaren Naturerscheinungen nur als Zahl handhaben. Hier sind
viel höhere Künste erforderlich. Nur ein zartes Feingefühl, dem man
nicht entfernt mit einer Rechnung nachkommen kann, vermag in das
Dunkel der seelischen Vorgänge einzudringen.
Die Psychologie ist die schwerste von allen Künsten. Die meisten
Menschen können niemals aus ihrer Haut heraus, sie leben immer in
ihrem eigenen Umkreise, können die Grenze ihrer Persönlichkeit und
ihrer Erfahrung nicht überschreiten, um sich in eine andere Seele hin-
einzuversetzen, gleichsam das Leben eines andeıen mit- und nach-
zuleben. Im Grunde genommen ist diese Fähigkeit eine dichterische
Fähigkeit, ist die Voraussetzung und das Geheimnis des Dichters, Die
Menschen haben zumeist keine Einbildungskraft, um in der Vorstellung