Full text: Die deutsche Wirtschaft

60 Prof. Dr. E, Horneffer: . 
wurzelt sei, Darin gerade, daß die Revolution trotz aller Leidenschaft 
und heißen Willens diese Organisation nicht hat beseitigen können, 
erblickt man den Beweis, daß sie zu Recht besteht, daß sie durch un- 
erschütterliche und dauernd gültige Gesetze gedeckt werde, an denen 
alle menschliche Willkür und utopische Schwärmerei zerschellen müsse, 
Anderen aber will dieser Verzicht auf jede Reform nicht einleuchtend 
und notwendig erscheinen, Wie sich die Sozialisten die Umwandlung 
dachten, hat sich als Utopie erwiesen. Aber als eine nicht minder 
gefährliche und unmögliche Utopie will es ihnen erscheinen, das ent- 
gegengesetzte Extrem zu behaupten, nämlich an dem Bestehenden gar 
nicht zu rühren und die bisher gewachsene Wirtschaftsorganisation als 
unabänderlich, als abschließend zu betrachten, die einer Reform weder 
bedürftig noch fähig sei, Jede Utopie straft die Schwärmer durch ver- 
hängnisvolle Auswirkung, Auch diese Utopie, die sich an das 
Gewordene wie an ein unantastbares Heiligtum klammert, muß furcht- 
bare Folgen heraufbeschwören, Mit Nietzsche möchte man rufen: „Es 
ist Zeit, es ist die höchste Zeit!” 
Auf den ersten Eindruck hin scheint die gegenwärtige Organisation 
der industriellen Werke vollständig in Ordnung zu sein. Kapitalisten 
schaffen auf eigene Gefahr die Werke. Und nur das risikofreudige 
Privatkapital kann bei der vielverschlungenen und unübersehbaren 
Möglichkeit der Wirtschaft Werke gründen und betreiben, Die Kapita- 
listen benötigen Mitarbeiter, geistige und Handarbeiter, Diese berufen 
sie und besolden sie. Mehr als die Gehälter und Löhne als Entgelt für 
die Arbeit betragen, kann aus den Werken nicht herausgewirtschaftet 
werden. Der eiserne Zwang der weltwirtschaftlichen Lage mit ihren 
unaufhebbaren Gesetzen des Angebotes, der Nachfrage, der Kon- 
kurrenz, der allgemeinen und besonderen Erzeugungsbedingungen läßt 
aus den Werken keine höheren Löhne herauswachsen als tatsächlich 
herausgearbeitet werden, Keine Zauberei kann an diesen ehernen Not- 
wendigkeiten etwas ändern. So scheint diese Arbeitsordnung voll- 
kommen „in Ordnung‘ zu sein, Was sollte und könnte an dieser Or- 
ganisation umgewandelt werden, wenn nicht der ganze Wirtschafts- 
zweck, die Ertragfähigkeit der Werke und damit ihr Bestand gefährdet 
werden sollen? Allein diese Organisation rechnet nicht mit der mensch- 
lichen Natur, sie übersieht wesentliche Notwendigkeiten der mensch- 
lichen Anlagen, sie verkennt grundlegende Funktionen der menschlichen 
Wesensart. Man mag immer wieder die Notwendigkeit und Unabänder- 
lichkeit der gegenwärtigen Verfassung im Wirtschaftsleben behaupten. 
Der Psychologe, dessen Erkenntnis und Rat bei der Beurteilung dieser 
Verfassung nicht entbehrt werden kann, muß erwidern; Sogehtes 
nicht.
	        
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