52 Prof. Dr. E, Horneffer:
es gibt gesundheitsschädliche Betriebe, wie Bleiweißfabriken und
anderes, in denen die Arbeit nichts weniger als Freude ist, wo die
Gesetzgebung einzugreifen und tunlichst die Gesundheit zu schützen
hat, Im großen und ganzen aber, im allgemeinen sind auch bei harter
und schwerer Arbeit die Arbeiter nicht zu bedauern, aus jener wohl-
tätigen Eigenschaft der Natur heraus, die den Menschen auch mit der
härtesten Umgebung sich innerlich abfinden und verwachsen läßt. Der
echte Bergarbeiter will trotz aller Gefahr unter der Erde arbeiten.
Er hält es für erbärmlich, über der Erde arbeiten zu müssen. Er ist
stolz auf seinen unerhört rauhen und schweren Beruf, Wenn man vor
einigen Jahrzehnten eine Fabrik betrat, wo die Arbeiter schwere Arbeit
zu verrichten haben und man sein Erstaunen über ihre gewaltige
Arbeitsleistung nicht zu verbergen wußte, dann konnte man Stolz in
ihren Mienen lesen: „Ja, das können wir! Das könnt ihr Stubenhocker
und Federfuchser natürlich nicht!‘ Sie waren noch nicht verbittert.
Aber dann kamen die Romanschriftsteller, Männlein und vor allem
Weiblein, und redeten den Arbeitern ein, auf allen Gassen wurde es
ausgeschrien: „Eure Lage ist ja ganz unerträglich, das dürft Ihr Euch
nicht länger gefallen lassen!‘ — bis die Arbeiter es glaubten und mit
einstimmten: „Das lassen wir uns nicht länger gefallen,” Ich halte diese
Sentimentalität für einen sträflichen Unfug, der unsere ganze soziale
Ordnung und Kraft, die Arbeitskraft des Menschen überhaupt, seinen
trotzigen Widerstand, seine Unbeugsamkeit in jeder Lebenslage ver-
zehren und untergraben muß. Ich gestehe, daß mir die vielgepriesenen
Bildwerke eines Meunier und einer Käthe Kollwitz Grauen erwecken,
daß sie mir aus einer ganz schwächlichen und verwerflichen Senti-
mentalität, die unser ganzes Zeitalter vergiftet hat, geboren zu sein
scheinen, daß sie mir eine ganz grobe und plumpe Fälschung der Wahr-
heit dünken. Keine Arbeit vertiert den Menschen so, wie es hier
geschildert wird, Solange der Mensch echt, stark, selbstbewußt ist,
stählt und adelt ihn gerade die rauhe Arbeit, und er weiß zu lieben und
zu ehren, was allerdings anderen Menschen aus anderen Lebenslagen
heraus unfaßlich und unerträglich erscheint, So will es die heilsame,
bildende und erziehende Kraft der Natur.
Aber nun hat dieser eigentümliche Zug des Menschen, seine Liebe
zum Gewohnten, eine bedeutsame Kehrseite, Der Arbeiter kann der
gewohnten und geliebten Umgebung gegenüber nicht fremd bleiben, er
kann seelisch mit seinem Gefühl nicht wider diesen Zug der Natur aus-
geschlossen werden, er kann nicht eingeschränkt werden auf die kalte
Berechnung von Leistung und Lohn, Arbeit und Gewinn, Die unaus-
bleiblichen Gefühle der inneren seelischen Zugehörigkeit zu den Werk-