Full text: Die deutsche Wirtschaft

Die Wirtschaft und die soziale Frage, 563 
stätten, zu dem dauernden Feld ihrer Tätigkeit, müssen bei den Arbei- 
tern anerkannt und gewürdigt werden, 
Hier wird sofort der Einwand erhoben werden: Das ganze ist ein 
großer Irrtum, die Arbeiter lieben die Werke, in denen sie tätig sind, 
gar nicht, sie sind ihnen vollkommen gleichgültig, gehen ihr innerstes 
Herz nicht im geringsten an, ja, sie hassen sie vielfach. In den Zeiten 
der Revolution sind sie manchmal nicht vor Sabotage zurückgeschreckt., 
Ich kenne allerdings bezeugte Beispiele grauenvoller Sabotage aus 
jener wilden Zeit, die das Gegenteil zu bezeugen scheinen, nämlich, daß 
ein abgrundtiefer Haß die Arbeiter gegen ihre Werkstätten beseelt. 
Aber da muß der Psychologe tiefer schauen und erklären: Dies ist 
ursprüngliche Liebe, die in Haß umgeschlagen ist. 
Unglückliche Liebe, welche nicht befriedigt wird, verwandelt sich in 
grimmigsten Haß, Deshalb ist der Bruderzwist der giftigste Zwist, des- 
halb enden unglückliche Ehen mit dem unnachsichtigsten Haß. Man 
muß durch den Schein hindurch die Wahrheit der Menschenseele zu 
lesen wissen, die oft tief verborgen ist. Wenn in einer Fabrik eine neue 
Maschine aufgestellt wird und die Besitzer und Ingenieure das neue 
Kunstwerk betrachten und ausprobieren, was es leistet, ob es die daran 
geknüpften Erwartungen erfüllt, und höchste Spannung auf allen 
Gesichtern ruht, dann gehen die Arbeiter mit ihren Töpfen scheinbar 
ganz gleichgültig vorüber, als ob sie das neue Kunstwerk gar nichts an- 
gehe, als ob sie damit gar nichts zu schaffen hätten. Ich sage: Das ist 
Heuchelei; in Wahrheit interessiert sie die neu aufgestellte 
Maschine im höchsten Maße, Wenn die hohen Herren weggegangen 
sind, treten die Arbeiter auch heran, betrachten mit höchster Aufmerk- 
samkeit das Werk und geben ihre klugen oder dummen Bemerkungen 
ab. Sie sind mit ihrem Herzen, mit der Wärme ihres Gefühls aufs 
stärkste beteiligt. Aber dieseihreinnere, seelische An- 
teilnahme findet nun niemals Nahrung, weil sie 
vonjedemgeistigen Anteil, jeder verantwortlichen 
Mitbestimmung ausgeschlossen sind. 
Man macht ständig den Arbeitern zum Vorwurf, daß sie ausschließ- 
lich Sinn für die Lohnfragen hätten, daß sie nichts, auch gar nichts 
anderes als die Lohnfrage beschäftige. Ich entgegne: Wie soll der Ar- 
beiter für die anderen großen Fragen der Wirtschaft auch nur das 
geringste Interesse und mit dem Interesse auch Verständnis gewinnen, 
wenn er zu den anderen Fragen der Wirtschaft überhaupt niemals 
herangezogen wird? Er hat keine Vorstellung davon, mit welchen 
Schwierigkeiten das gesamte Werk zu ringen hat. Er erfährt nicht, wie 
und unter welchen Bedingungen die Rohstoffe zu beschaffen sind, wie 
der gesamte Herstellungsprozeß abläuft, wie die hergestellten Erzeug-
	        
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