Full text : Die deutsche Wirtschaft

Die Wirtschaft und die soziale Frage, 69
ner Stelle erfolgen. Das psychologische Augenmaß, das seelische Zartgefühl
 müssen entscheiden, wann das eine, wann das andere geschehen
soll. Wenn heute die Unternehmer, die wirtschaftlichen Führer mit
ihrer hohen geistigen Arbeit, die so staunenswert ist, der von ihnen
geführten Arbeiterschaft gegenüber gänzlich zurückhaltend sind, sie so
gut wie gänzlich hiervon ausschließen, so soll nun die von mir gestellte
Forderung nicht bedeuten, daß sie diese Zurückhaltung mit einem
Schlage gänzlich preisgeben, in das andere Extrem des Ausplauderns,
schrankenloser Mitteilsamkeit verfallen sollen. Beides ist notwendig,
Schweigen und Reden, Zurückhalten und Mitteilen. Wir müssen uns
im Menschenleben von allen Extremen frei machen. Auch die Erziehung
darf nicht einseitig sein, entweder nur streng oder nur ganz milde,
Sie muß beides zugleich sein, jedes an rechter Stelle, Strenge und Milde
miteinander verbinden, Das ist das Geheimnis jeder Erziehung, die
hohe Kunst der Erziehung. Ehemals herrschte bei uns in der Erziehung
eine gewisse Überstrenge, und nun sind viele Eltern und Erzieher in das
Gegenteil verfallen, alle Zügel locker zu lassen, die Jugend völlig laufen
zu lassen, Gar nicht mehr zu erziehen scheint heute die Kunst der Erziehung
 zu sein, Auch in der Behandlung der Menschen in den Wirtschaftskörpern
 müssen die Leiter das rechte Maß, die Verbindung zu
finden wissen von freimütiger Offenheit und weiser Vorsicht. Aber die
hohe Mauer der Burg, in die sie sich bisher einschlossen, müssen sie
niederlegen, Es muß Gelegenheit zu dauernder Wechselrede aller Arbeitskräfte
 in jedem Werke gegeben werden. Neben den Betriebsrat
muß die regelmäßige Betriebsversammlung treten. Das wird gewiß zunächst
 viel neuen Zank und Streit, viel Widerwilligkeit und Mißverständnis,
 Bitterkeit undUnruhe zeitigen. Zweifellos. Und doch ist dieser
schmerzensreiche Weg der einzige Weg, der zum Frieden führen kann.
Nur dadurch kann die äußere Arbeitsgemeinschaft in eine innere Arbeitsgemeinschaft,
 in eine seelische Einheit der Führer und der
Geführten, aller mitwirkenden Kräfte verwandelt werden. Und zwar
jedes einzelne Werk mit seinen wirtschaftlichen Bedürfnissen, Schwierigkeiten,
 Gefahren, Schicksalen muß der Schauplatz dieses inneren,
geistigen Ausgleichs, gemeinsamer geistiger Arbeit werden. Das Ziel
ist niemals auf dem Umwege der Behandlung der großen, allgemeinen
Wirtschaftsfragen und Sorgen, der Notstände und der Aufgaben der
deutschen Wirtschaft in ihrer Gesamtheit zu erreichen. Nur von der
Quelle und Zelle der Einzelwirtschaft aus, nur aus der Einzelerfahrung
der bestimmten Betriebe kann Einsicht und Klarheit über das Ganze
gewonnen werden. Das Verständnis für das Gesamtleben der
deutschen Wirtschaft, das für jeden Volksgenossen, namentlich
aber für jeden in der Wirtschaft im engeren Sinne tätigen Arbeiter
            
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