Object: Die deutsche Wirtschaft

Das Handwerk im Rahmen der Volkswirtschaft. 113 
Aufträge’ nach Industrie- und Handwerkslosen einzuteilen und auf das 
Gewerbe des Bezirks gleichmäßig umzulegen. Daher der jahrelange 
Streit um das Submissionsunwesen, das sich auch in der Nei- 
gung, stets das billigste Angebot zu bevorzugen, kennzeichnet. Da die 
Gefahr, das Handwerk ausreichend an öffentlichen Aufträgen zu 
beteiligen, neuerdings, bei der Vergebung der Reparationsaufträge aus 
dem Friedensvertrag von Versailles, besonders brennend wurde, so 
haben sich in allen Teilen Deutschlands besondere Handwerks- 
wirtschaftsgesellschaften gebildet, die unter Vermittlung 
der staatlichen Landesauftragsstellen sich um öffentliche Aufträge 
bewerben und sie dann an die angeschlossenen Handwerksbetriebe und 
-genossenschaften weiterverteilen. 
Im übrigen sollen die allgemeinen Verdingungsfragen, namentlich 
für die öffentlichen Verwaltungen, durch eine Reichsverdin- 
gungsordnun gg geregelt werden, 
Als dritte volkswirtschaftliche Gefahr erscheint die Kredit- 
frage. Der Kredit für das Handwerk wurde seit Jahrzehnten durch 
die Kreditgenossenschaften nach dem System Schulze-Delitzsch, die 
ihre finanzielle Zusammenfassung in der preußischen Zentralgenossen- 
schaftskasse und in der Genossenschaftsabteilung der Dresdner Bank 
fanden, vermittelt, Hierüber einige Zahlen”): 
Der Deutsche Genossenschaftsverband berichtet, daß die Gesamt- 
bilanzsumme von etwa 1000 städtischen Kreditgenossenschaften im 
Jahre 1921 nur 230 Millionen Mark Gold betrug, gegenüber 1,8 Mil- 
liarden Ende 1913. Die anvertrauten fremden Gelder betrugen nur noch 
195 Millionen gegenüber 1,3 Milliarden im Jahre 1913, die ausgeliehenen 
Kredite 147 Millionen gegenüber 1,5 Milliarden im Jahre 1913. Das 
eigene Vermögen betrug im Jahre 1921 nur noch 16 Millionen gegen- 
über 390 Millionen im Jahre 1913, Hieraus wird gefolgert, daß die für 
den Geschäftsbetrieb der Genossenschaften zur Verfügung stehenden 
Mittel, fremde und eigene, im allgemeinen auf 5 bis 10 % des Friedens- 
standes zurückgegangen sind, 
Es geht ferner hieraus hervor, daß das Handwerk sich vor dem 
Kriege in der Kreditfrage selbst genügend helfen konnte, daß jetzt aber, 
namentlich durch die Inflation, die Kreditmittel derart vermindert sind, 
daß irgendeine Hilfe von außen her notwendig ist. Diese Hilfe kann 
auf zweierlei Art gebracht werden. Zunächst durch Bereitstellung von 
Kreditsummen, ähnlich wie sie für Industrie und Landwirtschaft durch 
die Rentenbank beschafft wurden. Diese Aufgabe verfolgen gegen- 
wärtig Reichs-, Länder- und Provinzialregierungen und die entsprechen- 
*) Vgl. Meyer, Kreditnot des gewerblichen Mittelstandes, Deutsches Handwerks- 
blatt, 15, August 1924, 
Die deutsche Wirtschaft.
	        
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