Ländern eine durch Jahrhunderte reichende fest verankerte Tradition.
Das Proletariat von heute ist gesellschaftlich der Erbe der Leib-
eigenschaft in der feudalen Zeit. Das herrische Wort, das vor
einigen Jahrzehnten ein deutscher Kirchenfürst zornentbrannt der
Arbeiterbewegung entgegenschleuderte: „Wer Knecht ist, muss
Knecht bleiben!“ charakterisiert anschaulich das Gefühl der herr-
schenden Schichten. Soweit die Geschichte zurückreicht, weiss
man es nicht anders, als dass eine Klasse der Herren über die der
Knechte herrscht. Innerhalb jeder Klasse haben sich hier die
Knechtspflichten, dort die Herrenrechte von Generation zu
Generation auf die Nachkommenschaft vererbt. Jede Klasse ist
gesellschaftlich für sich abgeschlossen und führt, durch eine hohe
Mauer von der anderen getrennt, ein eigenes Leben. Die Macht des
Besitzes äussert sich in zahlreichen Privilegien der oberen Klassen.
Lange genug waren die Angehörigen der unteren Klasse von jeg-
licher staatsbürgerlichen Mitarbeit vollständig ausgeschlossen,
waren nur Objekt, nicht Subjekt der Gesetzgebung, Rechtsprechung
und behördlichen Verwaltungstätigkeit. Wenn auch schliesslich
freiere Staatsverfassungen erkämpft wurden, so änderte das eben-
sowenig an dem Fortbestehen der ökonomischen Herrschaft der
kapitalistischen Klasse wie an der gesellschaftlichen Klassen-
scheidung, und es zeigte sich, dass letzten Endes die politische
Macht immer wieder zur ökonomischen Macht zurückstrebt.
In einer geradezu lächerlichen Überheblichkeit sehen in den euro-
päischen Ländern die besitzenden Schichten auf die arbeitende
Klasse herab. Diejenigen, die, ohne selbst zu arbeiten, von den Er-
trägnissen der Arbeit ein glänzendes Leben führen, gefallen sich
nichtsdestoweniger in einer grenzenlosen Verachtung derjenigen,
die mit ihren Händen arbeiten. Die Privilegierten haben sich mit
einer hohen gesellschaftlichen Mauer umgeben, über die sie niemand
lassen, der Schwielen an den Händen hat. Diese gesellschaftliche
Ächtung der Handarbeit und ihrer lebendigen Träger hat zweifel-
los sehr viel dazu beigetragen, dass die europäischen Arbeiter die
ökonomischen Lehren des Sozialismus leicht begreifen konnten.
In der amerikanischen Union liegen die Verhältnisse wesentlich
anders. Hier fehlt die alte Tradition der Herrenkaste. Es gibt keine
mit politischen Privilegien ausgestattete Geburtsaristokratie und
kein Gottesgnadentum. Die Rothäute, die einstmals Herren des
Landes waren, sind heute in Reservate eingesperrt und zählen über-
haupt nicht mit. Die weisse Rasse hat das Land usurpiert, und die
einzelnen Usurpatoren haben die Schätze des Bodens gehoben und
sind um so reicher geworden, je besser sie es verstanden, die mit
der Schatzhebung verbundenen Arbeiten andere machen zu lassen
und nur den Gewinn einzustecken. So sind wohl Familienreichtümer
entstanden, die sich von einer Generation auf die andere vererbten
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