Contents: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
Periode starker Vorstellungserweiterungen begründet. Nehmen 
wir z. B. in der Malerei und der Dichtung die Erweiterung 
des Wirklichkeitssinnes, wie man zu sagen pflegt, d. h. des 
Vorstellungsumfanges in den dreißiger Jahren des 19. Jahr— 
hunderts: sie führte zum Bauernbild und zur Dorfgeschichte; 
oder fassen wir die gleiche Erscheinung auf höherer Stufe 
in den achtziger Jahren ins Auge: sie führte zum Arme— 
leutebild und zum sozialen Roman des vierten Standes — 
oder ziehen wir, aus früherer Zeit, die Erweiterung der perspek— 
tivischen Anschauung, überhaupt die neuen malerischen Tendenzen 
in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts in Betracht: 
sie führten zur ersten selbständigen Landschaftsmalerei. Da 
kann nun wohl im ersten Augenblick die Frage auftreten, was 
früher vorhanden war: das neue Obiekt, der weiter er— 
griffene Stoff, oder der Sinn, der ihn erfaßte? Indes bei 
genauerem Zusehen ist doch die Antwort nicht im geringsten 
zweifelhaft. Es sind die neuen Triebe am Baume der Vor— 
stellungserweiterung, die zuerst hervorsprossen; diese strecken sich 
dann zuerst nach der Seite neuer Stoffe, die ihnen besonders 
zusagen, die von ihnen am leichtesten geformt werden können; 
erst später ergreifen sie die ganze Erscheinungswelt auch in 
den Teilen, wo ihnen verschiedenartige Hindernisse, am häufigsten 
etwa eine schon bestehende Tradition anderer Formung, rasche 
und mühelose Entfaltung versagen. So handelt es sich auch 
in diesen Fällen im Grunde doch um keine Stoffkunst, sondern 
um eine Formkunst, die zunächst nur auf einen bestimmten 
Stoff beschränkt ist: und von dieser Seite her, nicht vom 
Stoffe aus, muß in die Tiefe solcher Erscheinungen gedrungen 
werden. 
Freilich werden wir uns im übrigen über den Begriff der 
Form noch klarer werden müssen. Denn der Ausdruck ist viel— 
deutig, und die folgende Darstellung, die ihn verwendet, kann 
nicht durchsichtig werden, ist er nicht vorher erörtert. 
Die Form, von der bisher geredet worden ist, ist die 
Form, vermöge deren ein bestimmtes Zeitalter der Kunst die 
Erscheinungswelt wiedergiebt. Wäre man nicht versucht, sie
	        
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