allgemeinen metaphysischen Kräften des Seins selber überflutet wird.
Was an dem Menschenleben wirkliche Realität hat, und als eine solche
Realität das gewöhnliche konventionelle Scheinleben durchbricht —
das allein interessiert Dostojewski; und diese Realität ist nicht mehr
ein abgeschiedenes und begrenztes psychisches Leben, als solches,
sondern gehört schon sozusagen zu den kosmischen oder metaphysischen
Kräften des Seins, für deren Wirkung das individuelle Bewußtsein
nur ein Medium ist. Hierher gehört auch die Weltanschauung
des großen, im Westen wenig bekannten russischen Dichterdenkers
Tjutschew. Seine ganze Lyrik ist durch ein metaphysisches Schaudern
bestimmt, das der Dichter vor den Abgründen der menschlichen
Seele empfindet, weil er unmittelbar ihre Wesensidentität mit den
kosmischen Abgründen, mit dem chaotischen Walten der elementaren
Naturkräfte spürt. Da Tjutschews Dichtung in Deutschland, trotz
einer guten Übersetzung seiner Gedichte“ ziemlich unbekannt ist,
scheint es mir angebracht, zur Erläuterung des Gesagten einige Gedichte
von ihm hier anzuführen. Das erste ist dem Nachtwinde gewidmet.
*
Was heulst du, Wind, um Mitternacht?
Was soll dein wahnsinnwildes Grollen?
Bald seufzt es leis, bald brüllt's mit Macht
Aus deinem Laut, dem rätselvollen.
Von unbegriffnen Qualen spricht
Dein Mund, begreiflich jedem Herzen,
So daß aus jeder Seele bricht
Der schrille Schrei verhaltner Schmerzen.
O singe nicht das grause Lied
Vom Chaos unserm Mutterhorte!
Wie lauscht das nächtige Gemüt
So gierig dem vertrauten Worte!
Eins werden möcht’ es mit dem Licht
Das grenzlos strahlt und ewig dauert...
Des Sturmes Schlummer wecke nicht
Weil unter ihm das Chaos lauert!
Das Heulen des Nachtwindes und die dunklen Klagen der Seelentiefe
sind also eine Manifestation eines und desselben kosmischen Wesens.
Das Chaotische in der Natur lauert, als unser Mutterhort. im
Grunde unserer eigenen Seele, und ist deshalb, in all seiner Rätselhaftigkeit,
jedem menschlichen Herzen begreiflich.
* Gedichte von Fedor Tjutschew, übersetzt von F. Fiedler. Reclams
Universal-Bibliothek Nr. 8721.
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