Full text: Die russische Weltanschauung

In mehreren Gedichten, die die Nacht schildern, zeigt der Dichter 
in ähnlicher Weise, daß die Abgründe der Nacht den Abgründen «der 
Seele verwandt sind. Der Tag ist „eines Goldgewebs Gefalte“, das 
„eines Gottes Hand über einer namenlosen Abgrundspalte“ gespannt 
hält: wenn aber dieses Gewebe abgerissen wird, so „starrt der Ab- 
grund“ „mit seinen grausen Finsternissen“. Dann ist der Mensch 
„versenkt in seiner Seele Welt, gleichwie in einen Abgrund ohne 
Schranken“. 
Und in der unenträtselt fremden Nacht 
Erahnt er sein verhängnisvolles Erbe. 
In noch einem anderen Gedichte, das sozusagen dem metaphysi- 
schen Wesen des Traumes gewidmet ist, treffen wir den charakteristi- 
schen Vergleich: 
Gleichwie das Meer den Erdball hält umspannt, 
Wird unser Erdensein vom Traum umzogen. 
. Der Traum ist also kein rein subjektiv-innerliches Gebilde der 
Menschenseele; im Gegenteil ist der ganze Inhalt unseres wachen Be- 
wußtseins, die sinnlich-gegenständliche Realität der Welt, nur ein 
kleiner Teil des Seins, das, wie die Erde vom Ozean, vom Traum, als 
dem unermeßlichen Gebiete des mystischen Seins, umfaßt ist. 
Dieser ontologische Seelenbegriff spiegelt sich auch in den Theorien 
der russischen philosophischen Psychologie ab. Von allen westeuro- 
päischen Denkern — abgesehen von reinen Mystikern, wie Böhme und 
Baader, die die Lieblingsnamen der russischen Mystik sind — fühlt 
deswegen das russische Denken vornehmlich Schelling und Leibniz 
sich als wesensverwandt. Trotz der großen Popularität der Hegelschen 
Philosophie in den 40er Jahren des neunzehnten Jahrhunderts war es 
eigentlich Schelling, der vom Beginn des neunzehnten Jahrhunderts 
bis zu den 50er Jahren das russische philosophische Denken am 
meisten beherrschte. In der wissenschaftlich-philosophischen Psycho- 
logie aber war es Leibniz, an den die russischen Denker in ihrem 
Kampf um den psychologischen Ontologismus gegen den Positivismus 
und seine seelenlose Psychologie anknüpfen. 
In den 80er Jahren führte der Leibnizianer Koslorw, ein systema- 
tisch nicht besonders bedeutender, intuitiv aber sehr geistreicher 
Denker einen erbitterten, mit allen Mitteln der philosophischen Satire 
ausgerüsteten Kampf gegen den vorherrschenden Positivismus und 
entwickelte eine leibnizianische Metaphysik der Menschenseele. (Von 
Kosloro stammt genetisch der Begründer des russischen Intuitivimus, 
Loßky, dessen Metaphysik und Psychologie auch ein stark leibnizia- 
nisches Gepräge trägt.) Ein Leibnizianer war auch der sehr bedeu- 
tende russisch-deutsche Metaphysiker Teichmüller. Und auch Lopatins 
20
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.