vorhererwähnte Metaphysik enthält, als wichtigsten Inhalt, eine leib-
nizianisch bestimmte, sehr feinsinnige, zum Teil Bergsons Lehren
antizipierende ontologische Psychologie. Der Verfasser dieser Zeilen
darf wohl auch hier hinzufügen, daß er in seinem Werke „Die Seele
des Menschen“ (Petersburg 1917) den Versuch gemacht hat, diese
Motive der russischen Psychologie im Zusammenhange mit seiner
christlich-platonischen Weltauffassung in einer allgemeinen Phäno-
menologie des Seelenlebens zu bearbeiten.
Und dennoch ist die Psychologie als solche, auch in ihrer ontologi-
schen Fassung, kein besonders charakteristisches Gebiet des russischen
geistigen Schaffens. Eben weil das Interesse hier auf die tiefsten
ontologischen Wurzeln des Seelenlebens gerichtet ist, hat es die Ten-
denz, das eigentliche Gebiet des Psychischen sehr schnell zu über-
schreiten und die Sphäre des letzten, allumfassenden Seins zu erreichen.
Und andererseits ist die Vorstellung einer in sich abgeschlossenen
individuellen Persönlichkeitssphäre dem russischen Denken ganz
fremd. Wie groß auch der Einfluß von Leibnizens Monadenlehre auf
einzelne russische Denker war, die Lehre von der Abgeschlossenheit
und Isoliertheit der Monaden haben alle russischen Denker immer
verworfen. Nicht nur hat die Monade, nach der russischen Vorstellung
und trotz Leibniz, „Fenster“, durch sie in Wechselwirkung mit anderen
Monaden, mit Gott und mit der Welt steht, sondern ihr ganzes Sein
ist eigentlich in diesem wechselseitigen Zusammenhange begründet.
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Dieses letzte Motiv ist aber schon ein Ausdruck eines anderen,
sehr charakteristischen Merkmales der russischen Weltanschauung, das
im allgemeinen ziemlich bekannt ist, aber dennoch — oder vielleicht
eben deswegen — verdient, in seiner ganzen Tiefe, Bedeutsamkeit
und wahrem Wesen beurteilt zu werden. Ich meine die charakteristi-
sche Abneigung gegen den Individualismus und das Fußen in einer
gewissen Art von geistigem Kollektivismus. Dieses Thema muß mit
Vorsicht behandelt werden, um das wirklich Wahre von falschen Um-
deutungen zu sondern. Hier muß ich mir eine kurze sozialpolitische
Abschweifung erlauben. Es ist leicht, dies Gemeinschaftsgefühl mit
dem wirtschaftlichen Kollektivismus oder Kommunismus zu verwech-
seln. Die bekannte These der Slawophilen, der slawische oder russische
Geist sei von Hause aus kollektivistisch veranlagt in dem Sinne, daß
er persönliche Freiheit, Vertragsverhältnisse und individuelles Eigen-
tum verabscheut und zu kollektivistischen Wirtschaftsformen neigt,
was durch die vermeintlich urwüchsige russische Landgemeinde
(Obschtschina) bewiesen wäre, — diese These, die jetzt ein Westeuro-
päer geneigt wäre, durch die Herrschaft des Kommunismus von neuem
UT,
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