Full text: Die russische Weltanschauung

brechen und großen Heldentaten — in der Distanz zwischen Ständen, 
in der unerbittlichen Härte der Staatsgewalt, kurz, eben in. der 
Tragik der Konflikte aller Art äußert sich, seinem Standpunkte nach, 
das wahre Aufblühen und also der wahre Wert des Lebens, wogegen 
die moderne, bürgerliche, europäische Gesellschaft, mit ihrer demo- 
kratischen Gleichheit, spießbürgerlichen Gerechtigkeit und weichlich- 
geschmacklosen Moral, nichts weiter, als eine Agonie und Zersetzung 
des wahren Lebens des Geistes, ein Absterben im Sumpfe der „nive- 
lierenden Vermischung“ ist. Er stellt aber in dieser Hinsicht dem ab- 
sterbenden Westeuropa nicht Rußland oder das Slawentum, sondern 
nur — Byzanz gegenüber. Das Slawische, als solches, ist für ihn das 
Chaotische, das Unförmliche; Rußland wurde nur durch die Rezeption 
des byzantinischen Elementes zusammengehalten. Obgleich für ihn 
die einzige Lebensfrage die ist, ob noch eine Hoffnung bestehe, Ruß- 
land aus dem Zersetzungsprozeß, der seiner Meinung nach sich West- 
europas schon ganz bemächtigt hat, zu retten, macht er sich gar keine 
Illusionen; wenn einerseits für den Osten eben wegen seiner Primi- 
tivität noch die Hoffnung besteht, zu einer wirklichen Lebensent- 
faltung zu gelangen, so ist andererseits für ihn wegen seiner Form- 
losigkeit auch die Gefahr viel größer, als für den Westen, im Prozeß 
der nivellierenden Vermischung zu vergehen. In scharfem Gegensatze 
zu den Slawophilen und zu der ganzen damals herrschenden öffent- 
lichen Meinung Rußlands widerspricht er der Absicht, die Slawen 
von der türkischen Herrschaft zu befreien; denn nur unter der türki- 
schen Despotie kann das Slawentum und das östliche Christentum 
vor der westlichen Zersetzung bewahrt bleiben, und nur solange es 
Märtyrer und Helden gibt, besteht noch die Hoffnung, die wahre 
Kultur zu retten, wogegen nationale Befreiungskriege hier, wie auch 
im Westen, unmittelbar zum demokratisch-bürgerlichen Absterben der 
Völker hinführen. In den letzten Jahren seines Lebens ist er ganz 
pessimistisch gegenüber Rußlands Zukunft gestimmt; und mit genialer 
Einsicht, die jetzt fast unheimlich wirkt, prophezeit er die kommende 
kommunistische Revolution in Rußland; eben Rußland sei es be- 
schieden, die ganze europäische Kultur, die unvermeidlich sich dem 
Tode nähert, durch den Sozialismus in den letzten Abgrund zu stürzen. 
Dieser leidenschaftliche Heide, der in seinen Novellen aus dem neu- 
griechischen Leben (als russischer Konsul in der Türkei und Griechen- 
land, kannte er dies Leben aus persönlicher Erfahrung) in glühenden 
Farben den verführerischen sinnlichen Reiz des Südens schildert, dieser 
Reaktionär aus unersättlicher Liebe zur freien und reichen Kulturent- 
wicklung ist am Ende seines Lebens ein Mönch geworden, stand im 
engsten Verkehr mit den berühmten „Startzi“ des Klosters „Optina 
Pustyn“, und ergab sich mit der ganzen Leidenschaftlichkeit dem 
christlichen Glauben, ohne seinen urwüchsigen Lebenswertungen zu 
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