Full text: Die russische Weltanschauung

entsagen. Dadurch schaffte er einen ganz eigentümlichen, zwar sehr 
bedenklichen, aber zugleich auch sehr tiefen und lehrreichen Typus 
der christlichen Weltanschauung, der auf die jüngere russische Gene- 
ration nicht ohne Einwirkung blieb. Trotz seiner unvergleichlichen 
Originalität, hängt er doch mit der ganzen religiösen Kultur- und 
Geschichtsphilosophie zusammen, die von den Slawophilen vorgezeich- 
net wurde und deren Kernpunkt in der organischen Lebensauffassung 
liegt. 
Eine ganz eigentümliche Gestalt, die auch auf Leontjew in seinen 
letzten Lebensjahren einen mächtigen Eindruck gemacht hat, ist der 
viel Jüngere Wladimir Solorojewo. Was die Slawophilen (abgesehen 
von Chomjakow) meistens nur versprachen, das tat er: er entwickelte 
aus den dogmatischen Tiefen des östlichen Christentums eine univer- 
sale philosophische Weltanschauung, die aber auch bei ihm zugleich, 
der oben geschilderten Eigentümlichkeit der russischen Denkungsart 
gemäß, in eine Kultur- und Sozialphilosophie einmündet. Dadurch 
wurde er für die folgende Generation russischer Denker in ganz be- 
sonderem Maße vorbildlich. Im Zeitalter des auch in Rußland vor- 
herrschenden Positivismus und Materialismus entsteht in Solowjew 
ein Denker, dessen ganzen Weltanschauung vom christlichen Glauben 
genährt und durchdrungen ist. Im Gegensatz zu Leontjew, ist er der 
Typus eines reinen Denkers, ja sogar eines rationalistischen Denkers. 
Mit ungemeiner Schärfe und Gewandtheit des dialektischen Denkens, 
die zuweilen an die Sophistik grenzt, versucht er aus dem Kirchen- 
glauben ein universelles philosophisches System zu bilden. Aller- 
dings widerstrebt diesem systematisch-begrifflichem Zuge in Solow- 
jews Wesen seine geistige Universalität: er ist nicht nur Philosoph 
allein; er ist zugleich Theologe, Mystiker, Dichter, Literarkritiker, Histo- 
riker und Publizist, und eben deshalb konnte er kein philosophisches 
System bilden. Es ist auch fast aussichtslos, die Fülle von Solowjews 
Gedanken in einer einheitlichen Weltanschauung synthetisch auszu- 
drücken. Hier genügt es, den zentralen Punkt seiner Ideenwelt kurz 
zu skizzieren. Es ist der Begriff des Gottmenschentums, der, aus 
dem Dogma des christlichen Glaubens geschöpft, zu einer universalen 
ontologischen und zugleich geschichtsphilosophischen Idee erhoben 
wird. Die Welt und die Menschheit ist ein geistiger Organismus, 
dessen Haupt Gott ist. Vom religionsphilosophischen Standpunkte 
kann diese Weltanschauung als Panentheismus - bezeichnet werden: 
WIl. Solowjew nennt sie die „Alleinheitslehre“. Auf Grund persön- 
lichen mystischen Erlebens, benutzt Solowjew die Idee der „Sophia“, 
der Gottesweisheit, als einer persönlichen göttlich-menschlichen meta- 
physischen Instanz, die der platonischen „Weltseele“ entspricht, und 
das weibliche, empfangende, menschliche Prinzip der Gottheit bildet 
— eine Idee, die, wie schon erwähnt, in der neuesten russischen Theo- 
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