dem Problem des Menschenschicksals versucht wird. Die Worte, die
neulich einmal der französische Philosoph Bergson geäußert hat:
„Wenn die Philosophie nicht dazu beitragen kann, zu ermitteln, woher
wir eigentlich kommen und wohin wir gehen, so ist sie nicht einer
halben Stunde Nachdenkens wert“ -— diese Worte sind ganz aus dem
Herzen der russischen Weltanschauung gesprochen.
Zum Schlusse noch eine allgemeine, prinzipielle Bemerkung. Ich
habe in meinem Vortrage versucht, durch wenige schematische Um-
risse die Eigentümlichkeit der russischen Weltanschauung zu skizzieren.
Ich möchte aber nicht so verstanden sein, als ob ich die absolute Eigen-
artigkeit der russischen Weltanschauung, ihre völlige Unvergleichbar-
keit mit der westeuropäischen behaupte. Wie groß auch die Verschie-
denheiten der beiden Geisteserscheinungen sind, nicht minder be-
deutend sind auch ihre Ähnlichkeiten und Verwandtschaftsmerkmale.
Es ist ein Verhältnis, wie das zwischen zwei verwandten Personen,
von denen jede einen ganz eigentümlichen geistigen Typus darstellt,
die sich oft gegenseitig garnicht verstehen können, und die doch zu-
gleich ihre innere Verwandtschaft spüren. Auch gründet sich hier die
Verwandtschaft auf die gemeinsame Abstammung: beide Kulturen,
sowohl die westeuropäische wie die russische, stammen schließlich von
der Verschmelzung des Christentums mit dem Geist der Antike, und
sind nur verschiedene Abzweigungen dieses gemeinsamen Stammes.
Das haben unsere tiefsten Denker immer anerkannt, auch die Slawo-
philen, und vielleicht sie sogar am meisten, denn es wäre ganz falsch,
das Slawophilentum als prinzipielle Verwerfung der ganzen europäi-
schen Kultur zu betrachten; abgesehen davon, daß der Hauptpunkt.
seiner geistigen Interessen, wie schon gesagt, in viel allgemeineren
und prinzipielleren Ideen liegt, verwarf das Slawophilentum wohl die
westliche Kultur nicht als solche, sondern nur ihren neuesten Zustand,
in dem es eben das Abwelken und die Ermattung der wirklichen.
geistigen Kultur erblickte, oder, wie es auch der dem Slawophilentum
nahestehende Konstantin Leontiew tat, verwarf es die Idee des uni-
fizierten europäischen Kulturmenschen als Synonym eines abstrakt-
kosmopolitischen, d.h. überhaupt geistig-kulturlosen Menschen. Zu-
gleich empfanden die Slawophilen (und auch Dostojewski) eine in-
brünstige Liebe zu der europäischen Vergangenheit. So sagt einmal
Dostojewski mit den Worten einer Persönlichkeit seines Romans, daß
das moderne Europa einem Kirchhof gleiche, in dem aber jeder Grab-:
stein von so tiefem Glauben und wunderbaren Heldentaten zeugt, daß
man vor ihm knieen und ihn küssen möchte. Und Chomjakow nennt
in seinen oft zitierten Versen Europa „Das Land der heiligen Wunder“:
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