Full text: Bolschewismus, Fascismus und Demokratie

es, bei unseren Gängen durch den Wald lange Stellen aus Shakespeare und 
Goethe zu zitieren, deren Werke er sehr gut kannte. Ich traf ihn eines Abends 
in großer Aufregung, ganz verlieft in die Briefe Richard Wagners. Vor 
vielen Jahren war Wagner in seiner Villa am Ätna sein Gast gewesen, und der 
große Meister hatte in langen Briefen die Gespräche aufgezeichnet, die ihn 
am meisten interessiert hatten. Man sprach eines Abends von Garibaldi, wie er 
1848, während der Verteidigung Roms, sein Artilleriefeuer nicht gegen ge- 
wisse Stellungen richtete, von denen seinen Leuten Gefahr drohte, in der 
Furcht, große Kunstwerke zu beschädigen. Wagner brach in einen Ruf der 
Entrüstung aus: „Was sind Kunstwerke! Was für ein elendes Ding ist die 
Kunst ohne Freiheit !“ 
San Giuliano sagte mir, daß er ihn nie so aufgeregt gesehen habe, So 
fühlte wohl auch Beethoven, der göttliche Musiker, für die Freiheit, von der 
er als Demokrat und Liberaler mit religiöser Verehrung sprach. 
Solche Erinnerungen und ein ganzes Leben.im Dienste 
derDemokratieunddes Friedenslassen mich besonders tief 
dieKrisisder Freiheitempfinden, dieheutedie Zivilisation 
und das Leben Europas bedroht. 
Die Freiheit? Viele lächeln darüber. Die Demokratie? Viele lachen dar- 
über. Es gibt fast keinen Menschen, der nicht die Parlamente anklagt, und 
am allermeisten tun es diejenigen, welche Enttäuschungen erlitten haben 
oder selbst nicht dem Parlament angehörten oder vergebens versucht haben, 
hineinzukommen. Vor einigen Jahren, während des Krieges war, so sagte 
man, Europa in zwei Hälften getrennt. Die eine Hälfte, die Entente kämpfte 
gegen die andere, die Zentralmächte und ihre Bundesgenossen, um die Frei- 
heit zu verteidigen, welche durch den militaristischen und zentralistischen 
Germanismus gefährdet wäre. Die Unterscheidung war ziemlich willkürlich. 
Die Entente bestand weit über die Hälfte aus Bewohnern des zaristischen 
Rußland, welches durchaus kein Freiheitsideal aufzuweisen hatte, und wel- 
ches unter der schwächlichen, dabei grausamen Herrschaft eines mystischen 
Döcadents die erste und tiefste Ursache der Ereignisse gewesen war, die für 
Europa und die Zivilisation der Welt so unheilvoll werden sollten. 
Aber die Folge des Krieges ist, daß in Wahrheit beide 
Teiledeseuropäischen Kontinents die Freiheitschoneinge- 
büßt haben oder in Gefahr sind, sie zu verlieren. 
So haben jetzt Rußland und Italien Minderheitsregierungen, die sich aller- 
dings mit entgegengesetzten Zwecken durch Gewalt behaupten und eine stolze 
Verachtung für freiheitliche Einrichtungen zur Schau tragen. Diktaturen 
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