Full text: Bolschewismus, Fascismus und Demokratie

In ganz Europa sind die Kriegsgewinnler die unmoralischste Schicht. Der 
Reichtum verlangt Bildung und Gewöhnung., Die neuen Reichen haben wenig 
Skrupel und Sinn für Recht. Sie sind verderbt und lieben es, zu verderben. 
Ihre Vermögen sind oft durch Blut, öfter aber noch durch Verrat und Aben- 
teuerei erworben. Ich kenne verschiedene Arten von Kriegsgewinnlern, alle 
gehören jedoch der niedrigsten moralischen Stufe an. 
Einen der gefährlichsten von ihnen bezeichnete man mir schon als ver- 
dächtig, während ich in der Regierung und im obersten Kriegsrat war, in 
den schwierigsten Zeiten des Weltkriegs. Der Gesandte einer großen be- 
freundeten Nation lenkte meine Aufmerksamkeit auf seine zweideutige Hand- 
lungsweise, die verräterische Verbindungen mit dem Feind vermuten ließ. 
Nach dem Krieg war der Betreffende unmäßig reich geworden. Er beriet 
und ermutigte alle reaktionären Bewegungen, wie er auch die schlechteste 
Presse unterstützte und beherrschte. 
Selten murrt das Volk gegen Vermögen, die durch Arbeit erworben wurden, 
gegen überlieferten Reichtum, der oft an berühmte Namen geknüpft ist. 
Die Menschen, die mit ihrer Tätigkeit sich selbst und ihr Land bereichert 
haben, genießen fast immer die Achtung selbst ihrer Gegner. Aber diese un- 
geheuren Kriegsvermögen haben stets etwas Abstoßendes. Die neuen Reichen 
werden mit Mißtrauen angesehen und sind selbst von Mißtrauen erfüllt ; sie 
unterstützen daher alle reaktionären Unternehmungen, und ihre Presse ist 
immer die schlechteste. 
Eine seltsame Atmosphäre hat sich allmählich gebildet. Es herrscht eine 
Tatenunlust, die dazu neigt, alle Maßnahmen zur Erhaltung des bisherigen 
Zustandes annehmbar zu finden. 
Im Laufe eines Jahrhunderts sind wir von Lord Byron und Garibaldi, 
den Vorkämpfern und Helden der Freiheit, von der erhabenen Schar der 
Idealisten und Romantiker, zu den Geldgebern der Reaktion gekommen, 
Die alte Heuchelei der absolutistischen Regierungen ist wieder zu Ehren 
gelangt. Vor dreißig Jahren ließ ein Angriff auf die Freiheit eines Volkes 
alle anderen Völker erbeben ; in jedem Lande waren junge Menschen bereit, 
für die heiligsten Güter zu sterben. Heute gehört die Gleichgültigkeit zum 
guten Ton, zu den Gesellschaftsregeln eines internationalen Zynismus. Wenn 
die Freiheit eines Volkes zusammenbricht, wenn der Absolutismus irgendwo 
wieder triumphiert, wenn die Grundsätze der Gewaltherrschaft proklamiert 
werden, betrachtet man diese Ereignisse nur als eine innere Angelegenheit 
der Anderen, mit der man sich nicht zu befassen braucht. Aber auch wo die 
Freiheit nicht eigentlich gefährdet ist, steht sie in einer Krisis. 
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